1300 Gäste bei Trauerfeier in Stockholm
Schwedische Polizei spielt auf Zeit

Die DNA-Analyse im Mordfall Anna Lindh hat offenbar nicht das erhoffte Ergebnis gebracht. Ein Stockholmer Gericht verlängerte dennoch auf Antrag der Ermittler die Untersuchungshaft für den Hauptverdächtigen und verschaffte ihnen damit weitere Zeit für Ermittlungen. Kurz zuvor hatte Schweden in einer bewegenden Trauerfeier Abschied von der Ermordeten genommen.

HB STOCKHOLM. Das Gericht entsprach mit der Anordnung der Untersuchungshaft dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Anklagebehörde in Schwedens Hauptstadt muss nun spätestens in einer Woche bei einem zweiten Haftprüfungstermin neues Belastungsmaterial vorlegen. Der 35-jährige Schwede war am Dienstag - knapp eine Woche nach dem Messer-Attentat - vorläufig festgenommen worden..

Oberstaatsanwalt Krister Petersson hatte den Antrag auf Untersuchungshaft nur mit einem „angemessenen Tatverdacht“ und damit der schwächeren von zwei Möglichkeiten nach schwedischem Recht begründet. Der zuständige Untersuchungsrichter Lars Sjöström sagte zu der Entscheidung des Gerichtes, mit der Haft solle der Gefahr vorgebeugt werden, dass der Verdächtigte „Beweismaterial beseitigt oder sich den Ermittlungen auf andere Weise entzieht“. Das werteten Experten als Bezugnahme auf mögliche Selbstmordabsichten des Mannes, der mit einer Decke bedeckt in den Gerichtssaal hinein und später wieder herausgeführt wurde. Unter juristischen Experten galt nach der Wortwahl „angemessener Tatverdacht“ als sicher, dass die DNA-Analyse des Mannes keine Übereinstimmung mit dem „genetischen Fingerabdruck“ auf einer in der Nähe des Tatortes gefundenen Baseball-Kappe gebracht hat, die dem Täter gehört haben könnte. Im Fall der Identität beider DNA-Spüren hätte die Staatsanwaltschaft nach Aussage von Juristen auf der Basis eines „wahrscheinlichen Verdachts“ auf eine zweiwöchige Untersuchungshaft plädiert. Polizei und Staatsanwaltschaft wollten auch nach der Entscheidung weiter keine Angaben über den Fahndungsstand machen.

Die Nachricht, auf die alle gewartet hatten, kam etwa eine halbe Stunde vor der Trauerfeier für Schwedens ermordete Außenministerin. Als klar war, dass die Staatsanwaltschaft den Hauptverdächtigen nicht freilassen, sondern durch richterliche Verfügung eine weitere Woche in Untersuchungshaft halten wollte, legte sich erst einmal Ruhe über das Gedenken an die von einem Messerstecher getötete 46-jährige Sozialdemokratin im Stockholmer Stadthaus.

„David und Filip, ihr werdet immer stolz sein können auf eure Mutter. Wir danken euch, dass wir sie für ihre politische Arbeit von euch borgen durften“, sagte Lindhs enge Freundin und Schwedens EU- Kommissarin Margot Wallström mit festem Blick in Richtung auf die neun und 13 Jahre alte Söhne der Toten, die aber für die TV-Kameras tabu blieben.

Andere Redner unter den 1300 Trauergästen wie der schwedische Regierungschef Göran Persson, der britische EU-Kommissar Chris Patten und Griechenlands Außenminister George Papandreou hoben neben dem Europa-Engagement der populärsten Politikerin in Schweden vor allem ihre sympathische, farbige und energische Ausstrahlung im oft eher grauen Politikeralltag heraus. „Wenn ein Außenminister einen Konferenzraum betritt, verbessert sich nicht zwangsläufig die Stimmung. Außer bei Anna, wenn sie mit ihrem mit offiziellen Dokumenten voll gestopften Rucksack hereinkam“, sagte Patten.

Die Rührung über die sehr persönlichen Huldigungen im ganz in Lindhs Lieblingsfarbe Blau geschmückten Stockholmer Rathaus wurde für die Schweden schnell wieder von nagender Ungewissheit über den Fahndungsverlauf verdrängt. Die Fahnder hatten ihre Entscheidung über den Antrag auf Untersuchungshaft früher veröffentlicht als nötig, um die Trauerfeier nicht zu stören.

Aber im „Kleingedruckten“ zeigte sich dann auch, dass die von Fahndungschef Leif Jennekvist in Auftrag gegebene DNA-Analyse des 35-Jährigen wohl nicht das erhoffte Ergebnis gebracht haben dürfte. Wäre sie mit DNA-Spuren an einer in der Nähe des Tatortes gefundenen Baseball-Kappe identisch gewesen, hätte Staatsanwältin Agneta Blidberg nach einhelliger Meinung aller Experten in Stockholm eine stärkere Form als nur „angemessener Verdacht“ im Antrag für den Haftrichter gewählt.

Aber Blidberg und Jennekvist blieben auch am Freitag bei ihrem eisernen Schweigen seit der Ergreifung des Dienstagabend festgenommenen Mannes. Die Fahnder wollten nach dem Ausbleiben des erhofften Erfolgs bei der DNA-Analyse nun einfach eine Woche „Zeit kaufen“ für die Arbeit an viel wichtigeren technischen Beweismitteln zu, hieß es in Stockholm. Im „Forensic Science Service“ (FSS), einem Spezialinstitut für kriminologische Untersuchungen in Birmingham, wird derzeit die Tatwaffe auf mögliche DNA-Spuren untersucht. Unsicher ist, wann diese Arbeit abgeschlossen ist, die einen unwiderlegbaren Beweis gegen diesen oder später auch einen anderen Verdächtigen bringen könnte.

Der Anwalt des Inhaftierten, Gunnar Falk, erklärte zur Verhängung der Untersuchungshaft, sein Mandant bestreite weiter alle Vorwürfe. Die Beweise der Polizei seien „sehr schwach“. Weiter sagte Falk: „Es gibt nichts, was meinen Mandanten mit diesem Verbrechen in Verbindung bringt.“ Der Mann habe beim Haftprüfungstermin „bereitwillig auf alle Fragen geantwortet“. Ob der 35-Jährige Haftbeschwerde einlegen will, sei noch offen. Er habe aber Verständnis für den Wunsch der Polizei, durch eine Woche Untersuchungshaft mehr Zeit vor allem zur Sicherung technischer Beweise zu bekommen. Es spreche für das Rückgrat der Staatsanwältin, mit der Art ihres Antrages klar zum Ausdruck zu bringen, dass man nicht über mehr Material als bei der Festnahme verfüge.

„Warum, warum, warum?“ hatte auch der im schwedischen Exil erwachsen gewordene Papandreou bei der Trauerfeier in Lindhs Muttersprache zu dem bisher so völlig unmotiviert wirkenden Attentat gefragt. Es liege in der menschlichen Natur, die Erklärung auch für ein solches Ereignis zu suchen. Am Freitag sprach vieles dafür, dass die Schweden Geduld beim Warten auf handfeste Ergebnisse dieser Suche aufbringen müssen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%