15 Jahre nach dem 11. September
Die zerrissenen Staaten von Amerika

Die New Yorker Terroranschläge erschütterten die USA – und stärkten Gemeinschaftsgefühl und Nationalstolz. 15 Jahre später ist der Zusammenhalt geschwunden. Szenen aus einem gespaltenen und zersplitterten Land.

New YorkEine Zeitlang sah es aus, als hätten die Anschläge vom 11. September 2001 die Menschen in den USA nicht nur erschüttert, sondern auch näher zusammengebracht. In fast allen Vorgärten wehte buchstäblich über Nacht die US-Flagge. Auf den Stufen des Kapitols in Washington ließen Abgeordnete plötzlich die Parteigrenzen außer Acht, um gemeinsam „God bless America“ anzustimmen.

Doch am 15. Jahrestag der Terroranschläge ist von diesem Zusammenhalt nicht mehr viel zu spüren. Der Nationalstolz der Amerikaner ist laut einer Umfrage des Gallup-Instituts auf den niedrigsten Stand seit 2001 gefallen. Zermürbende Debatten über Einwanderung, nationale Sicherheit und Ethnien spalten das Land. Menschen, die sich damals vom Zusammengehörigkeitsgefühl getragen glaubten, bedauern heute dessen Verlust.

Jon Hile aus Louisville in Kentucky etwa meldete sich 2001 als Freiwilliger für Aufräumarbeiten am Ground Zero. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass der Einsatz sein Leben veränderte. Hile, der bis dahin in der industriellen Luftreinhaltung arbeitete, ließ sich nach seiner Rückkehr zum Feuerwehrmann umschulen. Er erinnert sich an eine Zeit allgemeiner Wertschätzung. „Jeder hat erkannt, wie schnell sich die Dinge ändern können“, sagt er. „Und wie schnell man sich angreifbar fühlen kann.“

Eineinhalb Jahrzehnte später hätten im Land wirtschaftliche Nöte die Oberhand gewonnen, erklärt Hile. Viele Menschen kümmerten sich nur noch um ihre eigenen Bedürfnisse und verließen ihre Komfortzone nicht mehr. „Ich wünschte, wir würden uns wirklich (an den 11. September) erinnern“, sagt er. „Indem wir sagen, dass wir es nie vergessen werden.“

Noch Anfang September 2001 hatte Angst vor Terror für die Amerikaner kaum eine Rolle gespielt. Wichtiger waren ihnen wirtschaftliche Sorgen. Laut Gallup waren nur 43 Prozent der Menschen insgesamt zufrieden. Doch dann kam „9/11“, und die USA verloren innerhalb von weniger als zwei Stunden fast 3000 Menschen, zwei ihrer höchsten Gebäude und ihr Gefühl der Unverwundbarkeit.

Doch aus Schock, Angst und Trauer entstand auch der Eindruck, Verlorengegangenes zurückzuerobern: eine gemeinsame Identität und die Treue zu einem unteilbaren Land. Von der Ost- bis zu Westküste versammelten sich die Menschen zu Mahnwachen, spendeten Blut und Milliarden von Dollar, jubelten Feuerwehrleuten und Polizisten zu. Viele junge Leute meldeten sich in dieser Zeit freiwillig zum Wehrdienst.

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