1989-2009
Wie Ungarn den DDR-Zerfall beschleunigte

Am 27. Juni 1989 fiel der Eiserne Vorhang zwischen Österreich und Ungarn. Damit begann erst die Massenflucht vieler DDR-Deutscher. Was an dem historischen Tag an der Grenze geschah. Ein Zeitzeuge berichtet.

ST. MARGARETHEN. Erik Baktay ist ein bescheidener Mann. Erst will er gar nicht so recht erzählen, was er bei dem am Ende historisch so eminent wichtigen Ereignis an der österreichisch-ungarischen Grenze im Juni 1989 gemacht hat. „Natürlich hatte ich Lust dazu, damals zu dolmetschen“, ist dem Diplomaten aus dem Budapester Außenministerium immerhin zu entlocken. In absolut akzentfreiem Deutsch sagt er das übrigens – ein Resultat von zwölf Jahren in Deutschland als Kind und Jugendlicher.

Der heute 48-jährige Baktay gehörte vor 20 Jahren zu der ungarischen Regierungsdelegation, die zum Treffen mit dem damaligen österreichischen Außenminister Alois Mock an die Grenze gereist war. Mock und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn nahmen zwei schwere Bolzenschneider in die Hand und durchtrennten vor laufenden Kameras die Stahldrähte, die Österreich und Ungarn 40 Jahre voneinander getrennt hatten. Erik Baktay hatte ordentlich zu tun, vor der Reporterschar musste viel hin- und her übersetzt werden.

Baktay war damals allerdings nur so etwas wie eine Aushilfskraft. „Schon in meinen Anfangsjahren im Außenministerium habe ich hin und wieder für Gyula Horn und andere Minister gedolmetscht“, erzählt er rückblickend. Weil er während seiner Kindheit so extrem gut Deutsch gelernt hatte, sollte er auch den Ministern helfen. Obwohl er schon damals im Budapester Ministerium eine ganz andere Aufgabe hatte und vor allem für die Beziehungen in Richtung Nordamerika verantwortlich war. Auch sein Vater war schon Diplomat, vor allem an der ungarischen Vertretung in Köln. Deshalb kennt sich Baktay im Rheinland auch heute noch ziemlich gut aus.

Das Foto mit den beiden Außenministern nahe des kleinen österreichischen Örtchens St. Margarethen sollte um die Welt gehen. Und manche meinen, dass es auch zum endgültigen Untergang der DDR beigetragen hat. Etwa Bernhard Holzner, ein Fotograf aus Wien, der damals die Aufnahmen an der ungarisch-österreichischen Grenze machte. „Die Leistung der Ungarn ist unglaublich“, sagt er. Weil viele DDR-Deutsche dieses Foto im Westfernsehen gesehen haben, sei es erst zum Massenexodus über Ungarn gekommen.

Dass die Ungarn beim Fall des Eisernen Vorhangs eine wichtige Rolle gespielt haben, steht außer Zweifel. Innerhalb des sowjetischen Machtbereichs hatte die Führung in Budapest immer schon versucht, Sonderrechte für das eigene Land herauszuschlagen. Resultat des ungarischen Vorgehens war der „Gulaschkommunismus“ – die Regierung gewährte ihrer Bevölkerung größere Freiheiten, gerade auch in der Wirtschaft.

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