20 Jahre Wende
Polen: „Runder Tisch oder Tiananmen“

In Polen verhandeln im Februar 1989 die kommunistischen Machthaber und die Opposition erstmals auf Augenhöhe. Zwei Monate nach Ende des legendären Runden Tisches gibt die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) ihren Alleinvertretungsanspruch auf. Wie der Umbruch in Osteuropa den Eisernen Vorhang zu Fall brachte. Eine Handelsblatt-Serie.

WASHINGTON. Als Lech Walesa die Stufen zum Palast des Ministerrates emporsteigt, hat er sein Pokerface aufgesetzt. Kein Mienenspiel, kein Kommentar, gerader Blick. Unter dem Regenschirm halb verborgen bahnt sich der Chef der Gewerkschaft Solidarnosc seinen Weg durch ein Spalier von Menschen. Die sind trotz des schlechten Wetters zu Tausenden an die Straße Krakowskie Przedmiescie in Warschau gekommen, um wenigstens einen kurzen Blick auf die historische Szene zu erhaschen. Denn im Inneren des Gebäudes wartet der Runde Tisch. Ein eigens für diesen Moment gezimmertes Möbel, an dem alle gleichrangig Platz haben sollen: Regierende, Oppositionelle, Gewerkschafter, Vertreter der katholischen Kirche. Menschen, die sich hart bekämpft, die wegen ihres Widerstands Jahre im Gefängnis verbracht hatten. Jetzt, am 6. Februar 1989, wollen sie über ihre und die Zukunft Polens verhandeln. Doch das, worauf sie sich am Ende einigen, sollte die politischen Schleusen im gesamten Ostblock öffnen.

Als die 58 Teilnehmer endlich an diesem Ungetüm von Tisch Platz nehmen, ahnen sie noch nicht, dass sie Geschichte schreiben würden. Tadeusz Mazowiecki, der schon Monate später neuer Ministerpräsident Polens werden sollte, erinnert sich heute, dass die Erwartungen zunächst begrenzt waren: „Die Regierungsseite hat wohl nicht gedacht, dass wir dort auch über die Legalisierung der Gewerkschaft Solidarnosc sprechen würden“, sagte er dem Handelsblatt. „Und wir waren uns weiß Gott nicht sicher, dass wir das schaffen würden.“ Doch genau das geschieht, als zwei Monate später, am 4. April 1989, die Vereinbarung vom Runden Tisch unterzeichnet wird. Die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) gibt ihren Alleinvertretungsanspruch auf. Polen hat als erstes Land im sowjetischen Machtbereich eine legale Opposition.

Und mehr noch: In der Vereinbarung wird auch festgelegt, wie die kommenden Wahlen aussehen sollen. Zwar nicht ganz frei, aber frei genug, um das Ende der Herrschaft von Kommunisten und Sozialisten einzuläuten. 35 Prozent der Sitze im Sejm, dem Parlament, werden durch direkte Wahl bestimmt, die restlichen schon vorher der PVAP und den Blockparteien zugeordnet. Völlig im freien Wettbewerb werden die 100 Mandate für den Senat vergeben. Als die Solidarnosc bei den Parlamentswahlen am 4. Juni einen Erdrutschsieg einfährt, schwenken auch die „Blockflöten“ um. Die PVAP gerät in die Minderheit, Premier Czeslaw Kiszczak, der zuerst die Idee eines Runden Tisches hatte, tritt ab und am 24. August 1989 wird Mazowiecki erster nicht-kommunistischer Ministerpräsident im Nachkriegspolen – nachdem Lech Walesa ihm das Amt angeboten hatte.

Seite 1:

Polen: „Runder Tisch oder Tiananmen“

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%