250 Tote im Nordirak
Schlimmster Anschlag seit Saddams Sturz

Beim bislang schwersten Anschlag seit dem Sturz des Saddam-Regimes vor mehr als vier Jahren haben Selbstmordattentäter im Irak sind nach Angaben der kurdischen Behörden mindestens 250 Menschen ums Leben gekommen.

HB SULEIMANIJA/BAGDAD. Terroristen haben in zwei kurdischen Dörfern ein Blutbad angerichtet, wie es die Iraker seit dem Irak-Krieg nicht erlebt haben. Die Terroristen hatten am Dienstagabend vier mit Sprengstoff beladene Fahrzeuge in den Dörfern Gir Usair und Schiba Scheich Chidr im Nordwesten des Landes zur Explosion gebracht. In den beiden betroffenen Dörfern leben Angehörige der religiösen Minderheit der Jesiden.

Dachil Kasim Hassun, der Bürgermeister der Kreisstadt, zu der die beiden Dörfer gehören, sagte: „Das ist das größte Massaker in der Geschichte von Sindschar. Die Explosionen haben auf einer Fläche von einem Quadratkilometer alles zerstört.“ Etwa 60 Leichen wurden am Mittwoch noch unter den Ruinen der zerstörten Häuser vermutet. Die Bergungsarbeiten werden nach Einschätzung von Hassun noch bis Donnerstag andauern.

Der Polizeichef der Stadt, Scheich Saed Schangari, erklärte: „Wir hatten Geheimdienstinformationen erhalten, dass die Terroristen in Sindschar Anschläge verüben wollten.“ Daraufhin seien die Sicherheitsmaßnahmen in der Stadt verschärft worden, weshalb die Attentäter ihre Sprengsätze schließlich in den Dörfern südlich von Sindschar zur Explosion gebracht hätten.

Das Blutbad löste in Bagdad und auch international Empörung aus. Der irakische Staatspräsident Dschalal Talabani, ein Kurde, erklärte, dieses „verabscheuungswürdige Verbrechen“ sei ein weiterer Beweis dafür, dass der „schwarze Terror“ derjenigen, die andere zu Ungläubigen erklärten, niemanden im Irak verschone. Auch der sunnitische Rat der Religionsgelehrten verurteilte den Anschlag. Er machte die „Besatzungstruppen und die Regierung“ für den Mangel an Sicherheit verantwortlich und erklärte, hinter der Bombenserie steckten Menschen, die versuchten, „die irakische Landkarte neu zu zeichnen“ und die demographischen Verhältnisse zu ändern.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hat die Bombenserie im Norden Iraks auf das Schärfste verurteilt. „Nichts kann diese wahllose Gewalt gegen unschuldige Zivilisten rechtfertigen“, sagte Ban in einer am Mittwoch im Irak herausgegebenen Erklärung. Er sei über das Ausmaß der Anschläge „schockiert“ und spreche den Angehörigen der Opfer sein tiefstes Beileid aus, so Ban. Der Generalsekretär appellierte erneut an alle irakischen Führer, unabhängig von ihrer politischen oder religiösen Überzeugung zusammenzuarbeiten, um das Leben der Menschen im Irak zu schützen. Es müsse ein Dialog der nationalen Versöhnung eröffnet werden.

Auch die US-Regierung verurteilte die Anschläge als „heimtückische und herzlose Morde“. Die Attacken zeigten erneut, wie weit Extremisten „zu gehen bereit sind, um den Irak daran zu hindern, ein stabiles und sicheres Land zu werden“, zitierten US-Medien die Sprecherin des Weißen Hauses, Dana Perino.

Die Behörden verhängten unterdessen eine Ausgangssperre rund um den Anschlagsort. Beim Transport von Verletzten halfen US-Soldaten. Ein Teil der Verletzten wurde nach Dohuk an der Grenze zur Türkei gebracht. Sindschar liegt nahe der syrischen Grenze.

Von vielen Muslimen werden die jesidischen Kurden abgelehnt und fälschlicherweise als „Teufelsanbeter“ beschimpft. In der Region rund um die Stadt Mossul war es wiederholt zu Spannungen zwischen den Jesiden und sunnitischen Muslimen gekommen.

Die US-Truppen teilten unterdessen mit, amerikanische und irakische Soldaten hätten am Dienstag in der Stadt Nadschaf einen schiitischen Milizenführer gefangengenommen. Dieser soll noch im vergangenen Jahr Mitglied der Miliz des radikalen Predigers Muktada al-Sadr gewesen sein. Später habe er seine eigene Miliz gegründet.

Die US-Armee berichtete weiter, fünf amerikanische Soldaten seien am Dienstag durch den Absturz eines Hubschraubers vom Typ CH-47 Chinook in der westlichen Provinz Anbar ums Leben gekommen.

Ärzte im Krankenhaus der kurdischen Stadt Suleimanija im Nordosten des Landes teilten am Mittwoch mit, in Chanakin (167 Kilometer nordöstlich von Bagdad) sei am Dienstag ein Massengrab mit 33 Leichen gefunden worden. Die meisten der Opfer hätten traditionelle kurdische Kleidung und Augenbinden getragen. Sie seien vermutlich während des Aufstandes von 1991 von Regierungstruppen erschossen worden.

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