30 Jahre danach
Francos heikles Vermächtnis

Engracia Revuelta hat fünf Kinder und auch schon fünf Enkel. Sie ist 72 Jahre alt und hat mit ihrer Großfamilie in der spanischen Heimat schon allerhand erlebt: Bürgerkrieg, Diktatur, Monarchie. Doch jetzt, im Herbst 2005, sagt sie, dass sie die Welt nicht mehr versteht. In Spanien können Homosexuelle inzwischen heiraten, die autonome Region Katalonien darf sich womöglich schon bald „Nation“ nennen, den Immigranten geht es ihrer Meinung nach besser als vielen Spaniern, und die Kirchen sind sonntags fast leer.

HB MADRID. „Dieser Zapatero bringt uns noch ins Grab“, schimpft die Frau über den regierenden sozialistischen Premier und fährt sich dabei mit der rechten Hand über ihr streng zurückgebundenes tiefschwarzes Haar, um sicherzugehen, dass keine Strähne herausgefallen ist.

Auf dem Sofa gleich neben ihr sitzt einer ihrer Söhne. Wenn sich die Familie in größerer Runde trifft, geht es oft um Politik. Dann wird debattiert und argumentiert, gerne und oft mit heißem Herzen, so wie es dem Naturell der Spanier entspricht. Als der Sohn, ein bekennender Linkswähler und Zapatero-Anhänger, entgegnet: „Spanien geht es heute doch viel besser als während der Diktatur“, erwidert seine Mutter ohne Zögern: „Mir ging es damals besser.“ Natürlich wolle sie die Diktatur nicht zurück, aber . . .

Die Diskussion im Hause Revuelta ist typisch für die Streitkultur um das historische Erbe Francos im ganzen Land. 30 Jahre nach dem Tod des einstigen Alleinherrschers General Francisco Franco, der am 20. November 1975 starb, ist sich Spanien weiter uneinig, wie dieser Teil der Geschichte zu bewerten ist. Der bekannte spanische Autor Santiago Macías, 32, kennt viele Landsleute, die denken wie Mutter Revuelta. Er nennt diesen Typus „demokratischen Franco-Fan“: „Und davon gibt es leider immer mehr.“

Heute sind zwar fast alle Spanier für die Demokratie, aber offen verurteilen wollen sie die Vergangenheit auch nicht. „Franco hat Spanien vor dem Kommunismus gerettet und hat einiges Gute für die Wirtschaft getan“, sagt nicht nur Señora Revuelta. Ähnlich sieht es auch der an der Madrider Universität „Complutense“ lehrende Professor José Luis García Delgado: „Man muss dem Regime unter Franco wohl zugute halten, dass es den industriellen Rückstand des Landes aufgeholt hat.“

Dass heute auch in Schulen und Universitäten so wenig über die zwischen 1939 und 1975 währende Alleinherrschaft Francos gerichtet wird, ist Folge der so genannten „transición“, der Zeit des friedlichen Übergangs von der Diktatur zur Demokratie mit der gleichzeitigen Wiedereinführung der Monarchie.

Mitte der 70er-Jahre, nach Francos Tod also, beschlich das Land eine kollektive Angst vor einem neuen Bürgerkrieg zwischen den linken und rechten Gruppierungen, die sich schon Ende der 30er-Jahre einen blutigen Kampf geliefert hatten, eine Auseinandersetzung, die die Gesellschaft einst tief spaltete. Damals, vor dem Zweiten Weltkrieg, erschien Franco vielen Spaniern als Stabilisator, wohl auch deshalb wird sein Werk heute vielerorts im Land mit einer gewissen Verklärung betrachtet.

„Sicher, er hat erst einmal das Land stabilisiert. Aber ich glaube, es ist nun, 30 Jahre danach, dringend Zeit, dass wir in Spanien eine neue Epoche beginnen“, sagt Enrique Jurado, ehemaliger Redakteur der spanischen Tageszeitung El País und heute Dozent für Kommunikationswissenschaften.

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