30 neue Atomkraftwerke geplant
Chinas strahlende Zukunft

Die verblichenen Schriftzeichen auf dem grauen Beton sind kaum noch zu erkennen. Wie kleine Spinnweben ziehen sich Risse durch die bröselnden Farbreste. „Wir entwickeln die Kernenergie zum Wohle des Volkes“, hat mal jemand an die Wand gepinselt. Ob aus Überzeugung oder auf Befehl – lange hat die Parole gehalten, hat sie in leuchtendem Rot Besucher am Tor zum ersten chinesischen Atomkraftwerk Qinshan empfangen.

PEKING. Inzwischen sind auf der kleinen Halbinsel, 120 Kilometer nördlich von Schanghai an der malerischen Küste der Provinz Zheijiang, schon drei Kernkraftwerke mit fünf Reaktoren am Netz. Sie sind ein Symbol für den Wirtschaftsboom Chinas, der einen gewaltigen Energiehunger ausgelöst hat. Doch noch dominieren alte Kohlekraftwerke im riesigen Land die Energieerzeugung. Die Folge ist eine unglaubliche Luftverschmutzung.

Und so denkt auch China um, mitsamt der dazugehörigen Propaganda. „Es gibt keine Ausrede für mangelnde Sicherheit“, heißt es heute in großen Lettern auf einem Plakat vor dem Verwaltungsgebäude von Qinshan. Darunter prangt ein stark koloriertes Bild des Kraftwerks. Atomarer Postkartenkitsch. Gigantisch groß, weithin sichtbar. Schließlich kommen immer öfter ausländische Gäste.

Qinshan ist Chinas atomares Vorzeigeprojekt. Hier wird in die Tat umgesetzt, was in mehr als 100 chinesischen Forschungsinstituten hinter streng verschlossenen Türen ausgetüftelt wird. Und wie immer plant China die Superlative. Bis 2020 soll die Kapazität der Kernenergie in China vervierfacht werden, wird sich der Atomanteil an der gesamten Energieerzeugung auf vier Prozent verdoppeln. Das heißt: Pro Jahr baut China zwei neue Atomkraftwerke. Investitionssumme: 30 Milliarden Dollar.

Weltweit reiben sich die Anbieter von Nukleartechnologie bei dieser Perspektive die Hände. Von Chinas strahlender Zukunft könnte auch das französisch-deutsche Gemeinschaftsunternehmen Framatome profitieren, das zu 66 Prozent der staatlichen französischen Nuklearholding Areva und zu 34 Prozent Siemens gehört. Das Joint Venture hat sich in diesem Frühjahr an der laufenden Ausschreibung für vier neue Meiler in China beteiligt. Areva soll die Nukleartechnik liefern, von Siemens würde die Steuerungstechnik kommen.

Gehen Pekings Pläne auf, dann wird China zum großen Atomstaat aufsteigen. Das kommunistische Land, erst Anfang der neunziger Jahre, also relativ spät, in die zivile Nutzung der Kernenergie eingestiegen, wird so plötzlich weltweit zum Vorreiter. Denn die Kernenergie erlebt eine Renaissance – auch in Europa.

Frankreich baut 2007 einen neuen Reaktortyp am Ärmelkanal und will seine 58 Nuklearkraftwerke, die langsam in die Jahre kommen, nach und nach durch neue ersetzen. Weltweit werden Bauprojekte aus Argentinien, Iran, Japan, Russland, Rumänien Finnland und Taiwan gemeldet – allein neun aus Indien. Selbst in Deutschland wird, noch ganz zaghaft, ein Ende des Atom-Stopps diskutiert.

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