300.Geburtstag
Rousseau würde das Volk über den Euro abstimmen lassen

Heute vor 300 Jahren wurde Jean-Jaques Rousseau geboren. Er stand wie kaum eine andere große Persönlichkeit für Kompromisslosigkeit und Konsequenz. Ein Vorbild für Merkel in der Euro-Krise?
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DüsseldorfWer heute auf Rousseaus Werk zurückblickt, wird viele Gründe finden, warum seine Ideen immer noch aktuell sind. Eines seiner bekanntesten Zitate stammt aus dem aus dem „Discours“ von 1755 und beschreibt ziemlich gut, wie der Philosoph und Staatstheoretiker tickte. „Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen „Dies gehört mir“ und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen hätte.“

Rousseau war der erste Öko, der erste Wachstumskritiker und ein Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. Doch er wurde und wird eben auch oft missverstanden oder bewusst missbraucht. Rousseaus Menschenbild war zutiefst pessimistisch. Die Welt basierte auf Angst und Schuldgefühlen.

Einige Historiker wie Philipp Blom sagen sogar: Sein Postulat der Unterdrückung ebnete den Weg für die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts. Das aufrechte Gefühl wurde zum Kult. Das begann bereits in der Französischen Revolution, als Robespierre seine Schreckensherrschaft in den Jahren 1793/94 auf einem verqueren Verständnis von Rousseaus Theorien aufbaute.

Auch heute noch wird der Denker in Haft genommen für so manche Sache, die er so vermutlich nicht unterstützt hätte. So manches Mitglied der Occupy-Bewegung berief sich auf die Schriften Rousseaus.

Tatsächlich sagte der Philosoph und Staatstheoretiker schon im 18. Jahrhundert, dass das „System der Finanzen“ jede Republik bedroht. Und dass allein schon der Begriff Finanzen ein „Sklavenwort“ sei. Dies wird heute gern aufgegriffen: „Der Reichtum ist Schuld“, schrieb er einst: „Kein Bürger darf so wohlhabend sein, dass er einen anderen kaufen könnte, und keiner so arm, dass er sich verkaufen müsse.“ So wird man schnell zum Vorbild – aber als solcher taugt er nur sehr bedingt.

Denn Rousseau hat nicht eine (Guy-Fawkes-)Maske auf, er trägt Dutzende. Was wäre Rousseau heute wohl? Das werden in diesen Tagen viele von denen gefragt, die sich mit seinem Leben und seinen Werken auskennen. Und die Unterschiede sind gewaltig: Mal ist er Mitglied der Piratenpartei, mal Leiter eines Erziehungsheimes. Auf einen Tenor kann man die meisten Fachleute dann aber doch festnageln: Die heutige Gesellschaft hätte Rousseau nötiger denn je.

Kommentare zu " 300.Geburtstag: Rousseau würde das Volk über den Euro abstimmen lassen"

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  • Hätte uns der oberschlaue Hr.Kohl damals über den EURO abstimen lassen,wäre uns eine Menge Ärger erspart geblieben,denn dann hätte es diese Inflationswährung nie gegeben.

  • Wer mehr plebiszitäre Elemente in unsere Verfassung aufnehmen will, der sollte sich vor Augen führen, daß der Satz "MIT DER MEHRHEIT IST DIE DOOFHEIT" ohne Zweifel diesem Unterfangen im Wege steht. Nur ein Zitat von gestern von "FOCUS online": "Eine Untersuchung der FU Berlin hat große zeitgeschichtliche Wissenslücke bei Schülern offenbart. Für rund 40 Prozent der Befragten Schüler waren Diktaturen und Demokratie gleichwertig." Weiteres interesantes Wissen unserer Schüler kann am angegebenen Ort nachgelesen werden
    Wer glaubt, daß das sich in absehbarer Zeit ändern wird, der glaubt auch an den Klapperstorch! Die Verblödungsbemühungen weiter Teile unserer Medienindustrie lassn er das Gegenteil brfürchten.
    Da ist mir doch, trotz aller Mängel unsere repräsentative Demokratie lieber. BUND; NABU die Grünen und die Piraten und andere sind mehr als genug!

  • Dazu ein Lesetipp:
    Jean Jaques Rousseau
    Bürger von Genf

    Der Gesellschaftsvertrag oder Die Grundsätze des Staatsrechtes

    http://gutenberg.spiegel.de/buch/3814/1

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