45 Prozent der Luxemburger gegen Verfassung
Der Muster-Europäer steckt in der Klemme

Die Luxemburger Innenstadt eignet sich zurzeit perfekt für ein Zeitschriften-Rätsel: Entdecken Sie, welche Fehler sich auf dem Bild eingeschlichen haben. Nur auf den ersten Blick scheint alles in bester Ordnung zu sein in der kleinen Hauptstadt des Großherzogtums.

LUXEMBURG. Die Straßen sind penibel sauber. Geranien und Stiefmütterchen blühen in säuberlich arrangierten Beeten. Über den Köpfen der Touristen wehen bunte Fahnen mit dem Logo der Luxemburger – die europäische Idylle in der Luxemburger Stadtfestung. Aber in den vergangenen Wochen haben sich immer mehr störende Blickfänger eingeschlichen: An Laternenpfählen klebt es in dicken gelben Lettern: „Nee zur Verfassung“. Die Luxemburger Europa-Euphorie hat einen Knacks bekommen. Nach dem Non der Franzosen und dem Nee der Holländer spüren die Verfassungsgegner auch im europäischen Musterland Rückenwind. 45 Prozent der Luxemburger wollen am 10. Juli nach aktuellen Umfragen gegen die Verfassung stimmen.

Solche Zahlen waren bisher im reichsten Land der Welt unvorstellbar. Noch im April wollten über 70 Prozent der Luxemburger für den Vertragstext stimmen. Ihr Ober-Europäer und Ministerpräsident, Jean-Claude Juncker, hatte sein Referendum als symbolische Demonstration für die unerschütterliche Europa-Begeisterung seiner Landsleute und als krönenden Abschluss seiner Ratspräsidentschaft geplant – für den 10. Juli. Seine Hauptstadt ließ er seit Beginn seiner Präsidentschaft im Januar in europäischem Glanz erstrahlen. Am Bahnhof heißen riesige Banner in mehreren Sprachen die Europäer willkommen.

Auf den öffentlichen Bussen kleben riesige EU-Sticker. In den Nobel-Cafés auf dem Marktplatz hört man förmlich, wie Europa zusammengewachsen ist, wie selbstverständlich wechseln die Kellner vom Deutschen übers Französische ins Luxemburgische. Nur einen Steinwurf entfernt residiert der Mustereuropäer in seiner gemütlichen Staatskanzlei. Doch selbst Jean-Claude Juncker, der spätestens seit seinem Verzicht auf Luxemburgisch als Amtssprache bei der EU zum Inbegriff des Vorbild-Europäers wurde, sieht jetzt schwarz. Er und mit ihm die EU stehen vor einem Scherbenhaufen, auf dem heutigen Brüsseler Gipfel wird es nur noch darum gehen, wie der Premier das Scheitern auch seiner EU- Präsidentschaft wird verkaufen können.

Dabei war alles so schön geplant für dieses halbe Jahr der historischen Ereignisse. Schließlich hat Luxemburg selbst wie kein zweites Land von Europa profitiert. „Europa ist wie unser täglich Brot. Wir leben davon“, sagt Mario Hirsch, Chefredakteur der unabhängigen Wochenzeitung „d’Lëtzebuerger Land“. Für den Journalisten, der mit seinem dichten, grauen Bart Mario Adorf gleicht, ist völlig klar, dass er mit Ja stimmen wird. Schließlich habe er erlebt, was Europa aus dem hinterwäldlerischen Luxemburg gemacht habe, sagt er. „Unser unglaublicher Wohlstand ist selbstverständlich geworden.“

Die Regierung erwirtschaftete im vergangenen Jahr bereits zum dritten Mal in Folge einen Haushaltsüberschuss. Die Kassen sind gefüllt. Die Menschen lächeln. In den gepflasterten und natürlich autofreien Gassen reiht sich ein Luxus-Schuppen an den nächsten: Feinkost-Läden verkaufen Gänseleber-Pastete und Kirschen für acht Euro das Kilo. Playboy hat hier genauso seine Filiale wie Escada oder Hugo Boss. Die Menschen mit rosiger Gesichtsfarbe tragen Anzug und Krawatte oder Kostümchen mit Bügelfalten. Chic gehört in Luxemburg zum guten Ton. Europa auch. Alle großen Parteien in Luxemburg unterstützen die Verfassung. Das Gleiche gilt für Kirchen und Gewerkschaften.

Denn noch in den 70er-Jahren arbeiteten in der heutigen Finanz-Hochburg 30 000 Menschen in der Stahl-Industrie im Norden des Landes. Luxemburg war ein bäuerlicher Landstrich zwischen den deutschen, französischen und belgischen Grenzen. Aber mit Hilfe des grenzenlosen Binnenmarktes, europäischen Fördergeldern und einer konsequenten Umstrukturierung gelang es, den Industrie- und Bauernstaat in einen florierenden Finanzmarkt zu verwandeln. Heute arbeiten über 30 000 Menschen allein im Bankensektor. Die Dienstleistungen machen über zwei Drittel des Bruttoinlandsprodukts aus. Und die umstrittene Bolkestein-Direktive zur Dienstleistungsfreiheit ist in Luxemburg schon lange Realität: Die Geschäfte laufen munter über die Grenzen hinweg. 150 000 Grenzgänger aus Deutschland und Frankreich kommen täglich zum Arbeiten in die Hauptstadt des Großherzogtums. Die Arbeitslosigkeit liegt trotzdem mit 4,3 Prozent weit unter dem europäischen Durchschnitt von neun Prozent.

Luxemburg ist mit Europa groß geworden – wirtschaftlich und politisch. Und durch die Brüsseler Institutionen wurde das kleine Land auch noch weltweit bekannt, erst recht in der Ära des Jean-Claude Juncker. Seit 1995 regiert er, in den letzten Jahren ist er längst über die Grenzen des Kleinstaates hinausgewachsen. Fast scheint es, als sei die EU ohne Luxemburg und seinen Premier unvorstellbar. Luxemburg ohne Europa ist es aber auch. Deshalb verstehen vor allem die Luxemburger Politiker die Welt nicht mehr. „Europa ist für uns eine Sache des Überlebens. Alleine können wir doch nichts tun“, sagt die Luxemburger EU-Kommissarin Reding. Sie bleibt noch gelassen in ihrem klimatisierten Büro in Brüssel. Sie kann sich nicht vorstellen, dass ihre Luxemburger tatsächlich Nein sagen könnten.

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