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Der Franzose - das unbekannte Wesen

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Franzosen wundern sich über hasenfüßige Nachbarn

Auch die politische Großwetterlage trägt dazu bei, dass sich die Franzosen über ihre Nachbarn wundern. Der mächtige Partner auf der anderen Rheinseite macht sich in Mali ganz klein, nachdem er sich schon in Libyen in die Büsche geschlagen hat. So ganz mögen die Franzosen nicht mehr glauben, die Deutschen wollten damit der Welt nur beweisen, dass sie erfolgreich therapiert wurden und ihren früheren Hang zum Militarismus überwunden haben.

Sind die Deutschen hasenfüßig, ist es eine bewusste Strategie, alle Kraft auf die eigene Wirtschaft zu konzentrieren, während die Franzosen sich mit Diktatoren und Terroristen in Nordafrika herumschlagen dürfen, oder schont die Kanzlerin vor der Wahl im September nur die Nerven ihrer sensiblen Landsleute, fragt man sich in Paris.

Mali Darum führt Frankreich in Afrika Krieg

Hollandes Entscheidung, in Mali militärisch einzugreifen, sieht wie ein Abenteuer aus. Doch sie ist populär, weil viele Franzosen nicht bereit sind, Afrika den Islamisten zu überlassen. Aber auch sie stellen Fragen.

Aus der französischen Reaktion auf den Vorstoß der Al Kaida-Verbündeten in Mali kann man viel lernen über die Mentalität unserer Nachbarn. Unterstützung für die rasche Entscheidung des Präsidenten, die angreifenden Pick-Ups der Terroristen zu stoppen, paart sich mit gesunder Skepsis.

Die Franzosen stellen dieselben Fragen wie wir auch: Was genau ist das Ziel des Kriegs, was die eigenen Interessen, kann man die Auseinandersetzung überhaupt gewinnen, wie lang wird sie dauern? Das vielleicht Erstaunlichste ist die Offenheit, mit der manche Militärs die Politiker kritisieren, weil sie zu lange abgewartet und die Al Kaida-Franchisenehmer nicht genügend abgeschreckt hätten. Das wäre in Deutschland nicht möglich.

Beschlüsse zum 50. Jahrestag des Freundschaftsvertrags

  • Erklärung der Parlamente

    Der Bundestag und die französische Nationalversammlung beschlossen in einer gemeinsamen Sitzung unter anderem die Einrichtung bilateraler Arbeitsgruppen "zu besonders wichtigen Themen wie der Energiewende" oder der Finanzkrise in der Europäischen Union. Zudem sollen sich die Parlamente "hinsichtlich des Beitritts von Kandidatenländern" zur EU eng abstimmen, was mit Blick auf die Türkei von Bedeutung sein könnte. Zudem sollen bestehende Programme zum Schüleraustausch weiterentwickelt, der gegenseitige Spracherwerb ab dem Vorschulalter intensiv gefördert und die Zusammenarbeit zwischen Universitäten intensiviert werden.

  • Erklärung der Regierungen

    Grundsätzlich wollen beide Seiten ihre "Zusammenarbeit vorantreiben" und ihre Initiativen auch für andere EU-Staaten öffnen. Neben zusätzlichem Engagement in der Jugend- und Kulturpolitik wird die "Schaffung einer echten europäischen Außenpolitik" angestrebt. Die gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik in der EU soll zudem weiterentwickelt werden. In der Energie- und Klimapolitik streben die Regierungen "eine vertiefte Zusammenarbeit" bei der Entwicklung von Technologien und der Nutzung erneuerbarer Energien an, im Wirtschaftsbereich wollen sie für mehr "Finanzstabilität, Wachstum und Beschäftigung" sorgen.

  • Erklärungen Merkels und Hollandes

    Für die Kanzlerin und den Staatschef stehen Kontakte zwischen deutschen und französischen Jugendlichen "an erster Stelle". Zudem stellen sie "konkrete Kooperationsvorhaben" für den Kulturbereich in Aussicht. Für Mai kündigen beide "einen gemeinsamen Beitrag zu den Vorbereitungen für den Europäischen Rat im Juni" an, der zur Beilegung der Eurokrise dienen sowie für Stabilität und Wachstum im Euroraum sorgen soll. Konkret laden sie Arbeitnehmer und Arbeitgeber zur Beteiligung an den Debatten ein. Als weitere Handlungsfelder werden etwa die Bildungs-, Energie-, Verkehrs- und Verteidigungspolitik genannt.

  • Mehr Geld für das Jugendwerk

    Schon vor den Feierlichkeiten wurde dem DFJW ab dem Jubiläumsjahr erstmals seit seiner Gründung eine Aufstockung seines Budgets zugesagt - um fast zehn Prozent auf knapp 23 Millionen Euro. Die Mittel fließen aus Berlin und Paris zu gleich Teilen. Das DFJW wurde im Juli 1963 wenige Monate nach der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags durch den damaligen deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Frankreichs seinerzeitigen Präsidenten Charles de Gaulle gegründet. Seither nahmen nach Angaben der Einrichtung mehr als acht Millionen junge Deutsche und Franzosen an etwa 300.000 geförderten Austauschprogrammen teil.

Und natürlich hat Frankreich einen anderen Blick auf Nordafrika und den Nahen Osten. Manchmal wird das einem an unmittelbar erlebbaren Dingen deutlich. Zum Beispiel in der Zentrale des Energieriesen GDF Suez. Im Palais der ehemaligen Suezkanal-Gesellschaft hängen noch die Originalgemälde vom Bau des Kanals. Dieses Land hat einen anderen Zugang zur Geschichte.

Vor einem Jahr habe ich das schon bei einer Ausstellung im wunderschönen Grand Palais erlebt. Dutzende Landschaftspanoramen waren zu bewundern, die teils aus dem 17. Jahrhundert stammen und bis zu 70 Quadratmeter groß sind. Sie entspringen nicht romantischer Naturverbundenheit, sondern dienten der Planung von Festungsanlagen von den Bergen bis zum Meer.

Hunderte von Landvermessern wurden immer wieder ausgeschickt, um die strategisch wichtigsten Punkte des Landes zu erfassen und für die Verteidigung aufzuarbeiten. Als Deutschland sich noch in kleinen Fürstentümern verlor, hatte Frankreich schon die Fähigkeit entwickelt, seine Macht zu projizieren.

Porträt in Bildern Die Geheimwaffe Hollande

  • Porträt in Bildern: Die Geheimwaffe Hollande
  • Porträt in Bildern: Die Geheimwaffe Hollande
  • Porträt in Bildern: Die Geheimwaffe Hollande
  • Porträt in Bildern: Die Geheimwaffe Hollande

Man sollte das nicht vergessen heute, da nur von Lohnstückkosten und Wettbewerbsfähigkeit die Rede ist. Die Realität eines Landes erschöpft sich nicht in seinen Marktanteilen. Auch politische Macht und der Umgang damit zählt zu den harten Fakten – auch dann, wenn diese Macht nicht mehr dieselbe ist wie vor vielen Jahrzehnten. Frankreich lebt in einer anderen Kontinuität als wir, schlägt sich aber auch mit einem anderen Erbe herum.

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Auch das ist beeindruckend: Die Ernsthaftigkeit, mit der sich Frankreich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt. Mit der Kollaboration während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg, mit der kolonialen Vergangenheit, etwa in Algerien, und mit jüngsten zwielichtigen Ereignissen in Ruanda und Burundi, die ein hartnäckiger Untersuchungsrichter durchwühlt, zum Ärger der Geheimdienste.

  • 22.01.2013, 14:00 UhrLilly

    Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • 22.01.2013, 14:02 Uhrbittenicht

    "Die Franzosen werden deutscher."

    Traurig.
    Mir wäre es lieber, die Franzosen blieben Franzosen.
    Was bleibt noch an Lebensqualität auf diesem Planet, wenn wir alle zu Maschinenmenschen werden?!

  • 22.01.2013, 14:11 UhrRechner

    Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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