50 Verletzte
Blutiger Anschlag vor weißrussischer Wahl

Es sollte ein fröhlicher Unabhängigkeitstag in Weißrussland werden, doch die staatlich organisierte Jubelfeier endete mit Blut und Entsetzen. Am Rande eines Konzerts mit tausenden Besuchern explodierte in der Hauptstadt Minsk ein Sprengsatz.

HB MINSK/MOSKAU. Bei dem Anschlag wurden etwa 50 Besucher verletzt. Drei Monate vor der Parlamentswahl fürchtet die Opposition nun neue Repressionen. Staatspräsident Alexander Lukaschenko hatte kurz zuvor seine Gegner mit Anschlägen in Verbindung gebracht. Während Dutzende Anschlagsopfer verletzt auf dem Asphalt lagen, lief das Festprogramm weiter. Selbst das Martinshorn der Rettungswagen wurde von der Popmusik aus den Lautsprechern übertönt, berichteten Augenzeugen.

Auf der Ehrentribüne, in sicherer Entfernung von der mit Metallschrott gefüllten Bombe, saß auch Lukaschenko. Bei vielen Minskern kamen Erinnerungen an eine Tragödie von 1999 auf, als in der Hauptstadt 52 Menschen bei einer Massenpanik erdrückt wurden. In der einstigen Sowjetrepublik regiert Lukaschenko seit 1994 mit eiserner Hand. Beim östlichen Nachbarn von EU und Nato ist die Atmosphäre seit langem angespannt. Nach Lukaschenkos Wiederwahl 2006 wagten tausende Oppositionsanhänger den offenen Widerstand. Der Protest endete mit dem Einsatz von Polizeiknüppeln. Lukaschenkos Herausforderer Alexander Kosulin sitzt seitdem im Gefängnis.

Die Journalistin Swetlana Kalinkina hält es für möglich, dass der Anschlag einen Bezug zur Wahl am 28. September hat. "Es gibt bei uns staatsnahe Kreise, die ein Interesse daran haben könnten, die Lage vor der Wahl zu verschärfen", sagt die Chefredakteurin der oppositionsnahen Zeitung "Narodnaja Wolja" (Volkswille) in Minsk. Ermittler sprachen in ersten Reaktionen von der Tat eines Einzelnen, schlossen aber auch Terrorismus nicht aus.

In Weißrussland gab es nach Einschätzung ausländischer Beobachter bislang keinen Hinweis auf terroristische Tendenzen innerhalb der Opposition. Vielmehr hatten sich die untereinander zerstrittenen Gegner Lukaschenkos oftmals an Harmlosigkeit überboten. Umso rätselhafter wirkte da Lukaschenkos Interview vom Vortag des Anschlags, in dem er dem Erzfeind USA unterstellte, Gewalttaten von Regierungsgegnern in Weißrussland zu unterstützen. "Die (USA) haben es doch ganz offen gesagt: Es gibt nur noch Geld, wenn etwas geschieht. Also Demonstrationen oder besser noch Ausschreitungen und Explosionen", sagte Lukaschenko der russischen Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda".

Der Oppositionspolitiker Anatoli Lebedko fürchtet, dass die Staatsmacht ihre Gegner für den Anschlag verantwortlich machen wird. Damit könnten beliebige Maßnahmen der Macht wie Zensur des Internets, Durchsuchungen oder Festnahmen gerechtfertigt werden, sagte der Chef der Vereinten Bürgerpartei der russischen Agentur RIA-Nowosti. Dabei sei es völlig egal, wer in Wahrheit hinter dem Anschlag stehe.

Der "letzte Diktator Europas", wie ihn seine Gegner nennen, steht unter Druck. Moskau hat gegen Lukaschenkos Widerstand die Preise für Öl und Gas deutlich erhöht, was viele Weißrussen nun schmerzhaft spüren. Seit langem besteht innerhalb der Europäischen Union der Verdacht, dass der Staatsapparat mit brutalen Geheimdienstmethoden seine Interessen durchsetzt. So sollen auf Anordnung von oben Todesschwadronen Ende der 1990er Jahre mehrere Oppositionspolitiker ermordet haben. Eindeutige Beweise liegen dafür bis heute nicht vor.

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