58-Jährige gilt als brillanter Kopf, leidenschaftlich und dazu äußerst telegen
Ex-General Clark will ins Weiße Haus

Der frühere NATO-Oberbefehlshaber Wesley Clark will bei der Wahl 2004 US-Präsident George W. Bush besiegen. Und Experten sind sich einig, dass der ehrgeizige Ex-General Leben in den vor sich hin dümpelnden Vorwahlkampf der demokratischen Bewerber bringen wird.

HB WASHINGTON. Der ehemalige Vier-Sterne-General kündigte am Mittwoch in seiner Heimatstadt Little Rock (Bundesstaat Arkansas) offiziell seine Kandidatur als demokratischer Herausforderer des Republikaners Bush an. Clark ist der zehnte Präsidentschaftsbewerber der Demokratischen Partei, während Bush keinen innerparteilichen Herausforderer hat. Die Wahlen finden im November 2004 statt.

Der 58-jährige Clark räumte zwar ein, über keine Erfahrungen in einem Wahlamt zu verfügen. Er habe jedoch die nötigen Fähigkeiten, um dem amerikanischen Volk „in dieser sehr wichtigen Zeit in der amerikanischen Geschichte“ zu dienen. Clark kritisierte vor jubelnden Anhängern die Wirtschafts- und Außenpolitik der Regierung, ohne jedoch Bush auch nur ein einziges Mal zu erwähnen oder persönlich zu attackieren. Die Amerikaner hätten zum ersten Mal seit dem Ersten Weltkrieg Angst um ihre Sicherheit im eigenen Land. Und zum ersten Mal seit langen Jahren fürchteten wieder viele Millionen Amerikaner um ihren Arbeitsplatz, so der demokratische Politiker. Es müsse auch gefragt werden, warum so viele Menschen in aller Welt den Respekt vor den USA verloren hätten, sagte Clark, der zu den schärfsten Kritikern der Irak- Politik von Bush gehört.

Bereits seit Monaten hatte sich angedeutet, dass der dekorierte Vietnam-Veteran, der den NATO-Einsatz in Jugoslawien 1999 geleitet hatte, in die Politik wechseln will. Bisher liegt im demokratischen Feld der Bewerber der frühere Gouverneur von Vermont, Howard Dean, vorn. Zu den Anwärtern auf eine Kandidatur gehören neben Dean auch Senator John Kerry, der Führer der demokratischen Minderheit im Abgeordnetenhaus, Richard Gephardt, und Senator John Lieberman, der bei der Präsidentschaftswahl 2000 als „Vize“ an der Seite von Al Gore angetreten war.

Die Kampagne der bisherigen neun demokratischen Präsidentschaftskandidaten ist bisher in den USA aber auf wenig Interesse gestoßen. Zwar hat sich der liberale Dean in den vergangenen Monaten eine leichte Führungsposition erarbeitet. Aber folgt man den Berichten und Kommentaren in den US-Zeitungen, bezweifeln die meisten politischen Beobachter, dass dies so bleibt. Zu groß sind die Vorbehalte im moderaten demokratischen Lager gegenüber dem populistischen Dean, dessen Kampagne sich bisher hauptsächlich auf Anti-Bush-Rhetorik konzentriert hat. Das Rennen um die demokratische Spitzenkandidatur ist damit also völlig offen. Bei jüngsten Umfragen konnte ein Großteil der Amerikaner nur einige wenige der demokratischen Bewerber namentlich benennen.

Und nun kommt Clark. Er ist ein brillanter Kopf, wie auch Kritiker einräumen, leidenschaftlich und dazu äußerst telegen. Donna Brazile, die 2000 den Wahlkampf des Vizepräsident-Kandidaten Al Gore organisiert hatte, glaubt, dass Clark in der Lage sein wird, „das demokratische Feld aufzumischen“. Aber mit welchem Ergebnis - darüber streiten sich die Gemüter. Experten sehen zwei große Nachteile für Clark: Er hat keinerlei Erfahrung in der amerikanischen Innenpolitik und wirft seinen Hut zu einem so späten Zeitpunkt in den Ring, dass er große Mühe haben könnte, seine Wahlkampf zu organisieren und die nötigen Gelder zusammenzubekommen.

Andere glauben, dass diese Handicaps durch eine ganze Reihe von Pluspunkten aufgewogen werden könnten. So stammt Clark aus Arkansas und damit aus dem Süden - wie die drei vorausgegangenen demokratischen Präsidenten Bill Clinton, Jimmy Carter und Lyndon B. Johnson. Clark spricht als Vietnamkriegs-Veteran die patriotischen Gemüter an. Er ist liberal, unterstützt beispielsweise die umstrittene Minderheitenförderung an Universitäten, gilt aber nicht als „marktschreierisch“ wie Kritiker es Dean anlasten.

Er hat angekündigt, die von Bush vorgesehenen Steuersenkungen zumindest für die Reichen rückgängig zu machen. In der Frage der Abtreibung ist Clark dafür, einer Frau die Entscheidung zu überlassen. Die gleichgeschlechtliche Ehe lehnt er zwar ab, doch kann er sich andere vertragliche Bindungen zwischen Erwachsenen gleichen Geschlechts vorstellen.

Vor allem aber: Clark verfügt über größte Erfahrung auf dem Gebiet der Sicherheit. Dies ist nach übereinstimmender Ansicht von Experten ein immens wichtiger Punkt angesichts der Herausforderungen für die USA nach den Terroranschlägen vom 11. September. „Das ist ein wahrer Schatz für Clark, ein Riesenvorteil. Das kann Bush das Fürchten lehren“, sagt der demokratische Abgeordnete Charles Rangel und fügt mit Blick auf den spektakulären Präsidenten-Flug im Militärjet vom Mai hinzu: „Mit General Clark im Rennen wird Bush keine Pilotenuniform im Wahlkampf mehr tragen.“

Offen blieb zunächst, wen Clark in sein Wahlkampfteam berufen würde. Es wurde jedoch damit gerechnet, dass mit Mark Fabiani ein Berater des früheren demokratischen Präsidenten Bill Clinton eine maßgebliche Rolle spielen dürfte. Als mögliche demokratische Kandidatin ist auch Clintons Frau, Hillary, immer wieder ins Gespräch gebracht worden. Bislang hat sie jedoch eine Kandidatur ausgeschlossen.

Wie groß die Chancen für den Irak-Kriegskritiker Clark sind, die demokratische Präsidentschaftskandidatur zu erringen, wagt bisher niemand konkret zu schätzen. „Aber es ist schon eine gewisse neue Aufregung um ihn zu spüren“, meint der demokratische Stratege Stanley Greenberg in der „New York Times“. Clark könne sich als glaubwürdiger Politiker mit Tiefe entpuppen und Erfolg haben. „Aber es ist auch möglich, dass er in die Bedeutungslosigkeit verschwindet, dass er flach ist und keine Verbindung zur Basis hat.“

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