60 Jahre nach dem ersten Atombombenabwurf der Geschichte ringt Hiroshima umseine Bedeutung
„Es gibt zu viele, die den Schmerz nicht kennen“

Koji Hosokawa war 17 Jahre alt, als „Little Boy“ auf Hiroshima fiel. Nach der Detonation schossen zahllose Glassplitter in seinen Körper, um ihn herumverbrannten Freunde. Hosokawa hatte Glück.

HB HIROSHIMA. Im Schatten eines Pfeilers verwundeten ihn Hitze und Flammen des Atomblitzes nicht. Seine kleine Schwester Yoko, die an diesem Morgen mit anderen Mädchen zu Räumungsarbeiten 700 Meter von der Abwurfstelle draußen eingesetzt war, hatte dagegen keine Chance. Sie starb am Abend. Am Abend des 6.August 1945. „Ihr Tod ist mein größtes Trauma“, sagt der rüstige 77 Jahre alte Hosokawa und schaut zur Seite. „Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht daran denken muss.“

Jahrzehnte wollte Hosokawa nur eins: den Schmerz verdrängen, die Bilder des 6. August 1945 vergessen – des Tages, an dem die Vereinigten Staaten die erste Atombombe der Geschichte abwarfen. 3 000 bis 4 000 Grad war die Erde für kurze Zeit heiß, nachdem die Uran-Bombe explodiert war. Die Menschen rannten durch die Straße, die Haut hing ihnen in Fetzen vom Leib, die Gesichter waren zum Teil so stark angeschwollen, dass Väter ihre Töchter nicht erkannten.

Niemand weiß genau, wie viele Menschen an diesem Tag ums Leben kamen. Am Ende des Jahres waren es 140 000 Tote. Hinzu kamen noch einmal halb so viele in Nagasaki, auf das die USA drei Tage später die zweite Atombombe in derG eschichte der Menschheit warfen – eine Plutoniumbombe, die sie, weil sie bauchiger war, „Fat Man“ nannten. Bei diesen beiden Bomben ist es seither geblieben.

Sechzig Jahre danach kämpft Hiroshima um seine Symbolkraft. „Sich an Hiroshima zu erinnern heißt, den Atomkrieg zu verabscheuen“, schrieb Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch 1981. „Sich an Hiroshima zu erinnern heißt, sich zum Frieden zu bekennen.“ Doch angesichts der Verbreitung und Akzeptanz von Atomwaffen unter den Mächtigen der Welt einerseits und eines Rucks nach rechts im pazifistischen Japan andererseits ringt die Stadt um ihre Bedeutung.

Heute, sechzig Jahredanach, ist Hiroshima eine lebendige Millionenstadt. Die Flüsse schimmern imSonnenlicht. Von den Bäumen im Friedenspark singen die Zikaden laut das Lied des Sommers. Gäbe es das Skelett des Atombomben-Doms nicht, die unbedeckte Stahlkuppel, es wäre schwer zu glauben, dass hier, in 600 Meter Höhe, eine Atombombe explodierte und alles kilometerweit in eine Mondlandschaft verwandelte. Was man nicht sieht, sind die Menschen, die noch heute an den Spätfolgen der Verstrahlung leiden.

Seit seiner Rente setzt sich Hosokawa als Atombombenopfer für die Abschaffung von Nuklearwaffen ein. „Als wenn man einem Frosch Wasser ins Gesicht werfen würde“, beschreibt er seine Anstrengung mit einem japanischen Sprichwort. Ins Leere reden. Im vergangenen Sommer war er für eineinhalb Monate in Europa. „Für uns sind Atomwaffen ein Mittel der Diplomatie“, habe ein französischer Regierungsvertreter ihm freundlich, aber bestimmt gesagt, erinnert sich der Japaner. „Die Menschen verstehen einfach nicht, wie gefährlich Atomwaffen sind“, sagt er – und lächelt wehmütig. „Es gibt zu viele, die den Schmerz nicht kennen.“ Manchmal frage er sich, ob das anders wäre, wenn die Bombe ein westliches Land getroffen hätte. Ursprünglich hatten die USA Deutschland im Visier.

Anders als der Holocaust sei der Atombombeneinsatz in Hiroshima und Nagasaki nicht als Verbrechen gegen die Menschheit eingestuft worden, meint Motofumi Asai, Präsident des Hiroshima-Friedensinstituts. Noch heute ist der Standpunkt der USA, die Atombomben seien für ein schnelles Kriegsende nötig gewesen. Sechs Jahre später wären im Koreakrieg beinahe die nächsten Nuklearbomben gefallen. Sie fielen nicht, doch getestet werden Atomwaffen noch immer. Im Friedenspark imZentrumHiroshimas steht eine Uhr, die die Tage seit dem Abwurf der Bombe auf die Stadt zählt – und die Tage seit dem letzten Atomtest irgendwo auf der Welt. Keine 440 Tage ist der letzte her. „DieMenschen haben sich weltweit an Atomwaffen gewöhnt“, meint Asai. Selbst ein gutes Fünftel der Opfer von Hiroshima denkt, dass es für Japan das Beste ist, unter dem atomaren Schirm der Amerikaner zu stehen.

Auch innerhalb Japans muss Hiroshima um seine Bedeutung kämpfen. Die Zahl der Besuchergruppen aus Schulen habe rapide abgenommen, erzählt die 57 Jahre alte Ryoko Goto, die freiwillig Gruppen durch das Atombombenmuseum führt. Lehrern werde es zudem vom Erziehungsministerium immer schwerer gemacht, in den Schulen Friedenspolitik zu unterrichten, meint Asai vom Friedensinstitut, der früher einmal Beamter im Außenministerium war. „Japan schwingt nachrechts.“

Junge Japaner wollen sich nicht mehr für den Krieg entschuldigen. Gewerkschaften und linke Parteien haben an Bedeutung verloren. Premier Junichiro Koizumi pilgert jedes Jahr zumYasukuni-Schrein, wo auch die Seelen von Kriegsverbrechernruhen sollen. Die japanische Nachkriegs- Friedensverfassung, die nur Selbstverteidigungsstreitkräfte erlaubt, soll den Realitäten von Irak- Einsatz und Raketenabwehrsystem mit den USA angepasst werden.

Die Bombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki haben dazu beigetragen, dass sich viele Japaner als Kriegsopfer fühlten – und sie den japanischen Imperialismus und die Gräueltaten in Asien verdrängten. Auch im Museum von Hiroshima ist von der japanischen Aggression in Asien nichts zu lesen. „Eine Verfassungsänderung“, meint Asai, „würde Hiroshimas Versprechen, die Fehler der Vergangenheit nicht wieder zu begehen, unglaubwürdig machen.“

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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