60 Jahre nach Kriegsende
Dänen streiten über Tod von Flüchtlingskindern

In Dänemark wird kurz vor dem 60. Jahrestag des Kriegsendes heftig über das Schicksal von 10 000 deutschen Flüchtlingskindern gestritten, die 1945 ohne Eltern in das skandinavische Land gekommen waren. 7 000 von ihnen starben in den folgenden vier Jahren, unter anderem weil sie hinter Stacheldraht geringere Essensrationen erhielten als alle anderen Kinder im Land. Das hat die Kinderärztin und Historikerin Kirsten Lylloff jetzt in einer neuen Abhandlung als „schlimmste humanitäre Katastrophe der jüngeren dänischen Geschichte“ angeprangert

HB KOPENHAGEN. Vertreter der früheren Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer Dänemarks, aber auch etablierte ältere Historiker wiesen Lylloffs Vorwurf heftig zurück, die dänischen Behörden hätten die Kinder im Alter ab drei Jahren in einem bewussten, kollektiven Racheakt systematisch misshandeln lassen. „Die Ressourcen waren knapp, und wir hatten mit uns selbst genug zu tun. In dieser Lage war eine bessere Behandlung der deutschen Flüchtlinge nicht zu erwarten“, meinte der Archivar und Historiker Arne Gammelgaard.

Gegen Kriegsende waren insgesamt 250 000 Deutsche auf der chaotischen Flucht vor der Roten Armee Richtung Westen auf Schiffen der deutschen Kriegsmarine aus Pommern und Ostpreußen in das praktisch unzerstört gebliebene Dänemark gekommen. Sie mussten nach der Befreiung Dänemarks am 5. Mai auf Anordnung der Siegermächte dort zunächst auch weiter aufgenommen werden. Wegen der Zusammenarbeit der dänischen Regierung mit den Deutschen musste Kopenhagen lange zittern, ehe das Land dank der gegen Kriegsende recht starken Widerstandsbewegung als Alliierter und nicht als Kollaborateur eingestuft wurde.

Lylloffs Forschungsergebnissen zufolge behandelten die dänischen Stellen die als kleine Waisen ins Land gekommenen deutschen Flüchtlingskinder „nicht als Opfer, sondern als Feinde“. Man habe kalt, herzlos und rachsüchtig vor allem drei Ziele verfolgt: Die Kinder möglichst schnell wieder loswerden und sie komplett gegenüber der Bevölkerung zu isolieren, um Mitleidshandlungen zu verhindern. Und sie sollten um jeden Preis weniger Essen bekommen sowie generell schlechter versorgt werden als die am schlechtesten lebenden Dänen.

Lylloffs faktische Angaben über die elende Lage der Flüchtlingskinder zweifelt niemand an. Ihre Analyse der Hintergründe aber, etwa mit dem Befund „ethnischer Hass der Bevölkerung gegen alles Deutsche“ als wichtigste Antriebskraft, stieß auf erhebliche Zweifel auch bei sonst sehr wohlwollenden Kritikern.

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