60 Jahre Volksrepublik
China und die Angst vor dem Volk

Kurz vor dem 60. Jahrestag der Volksrepublik gleicht Peking einer Festung. Das Regime ist nervös und will Störungen der Militärparade um jeden Preis verhindern. Sicherheitschef Zhou Yongkang hat gar zum "Volkskrieg" gegen Parade-Störer aufgerufen. Dissidenten und Aktivisten sollen die Stadt vor den Feierlichkeiten verlassen.

PEKING. China rüstet sich für die Superschau: Mit der größten Militärparade seit Jahrzehnten wird das Land am 1. Oktober den 60. Jahrestag der Volksrepublik feiern. Dafür marschieren bereits - meist nachts - Soldaten durch das Zentrum der Hauptstadt, rollen Panzer zum Platz des Himmlischen Friedens. Denn dort, wo 1949 Mao Zedong die kommunistische Volksrepublik ausgerufen hat, will China auch jetzt den Geburtstag feiern: mit Feuerwerk, Musik und Massentänzen.

Wie schon bei den Olympischen Spielen will die Supermacht ihre ganze Stärke präsentieren. Doch die Parade, die die Massen-Choreografien Nordkoreas in den Schatten stellen wird, macht Chinas Führung extrem nervös. Schon während der Vorbereitungen befürchtet sie Anschläge. Chinas Provinzen wurden laut Medienberichten nach den Ausschreitungen in Xinjiang Anfang Juli angewiesen, alle geplanten Festivitäten abzusagen. In der Unruhe-Provinz Xinjiang verhafteten Sicherheitskräfte bereits sechs "Terroristen", die angeblich Attentate geplant haben sollen. Und nach zwei Messerattacken, bei denen am Wochenende in Peking nahe dem zentralen Ort der Feierlichkeiten zwei Personen starben und eine Französin verletzt wurde, sind die Sicherheitsvorkehrungen weiter verstärkt worden. Der Verkauf von Messern ist in Peking vorübergehend verboten.

Wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete, hat Chinas Sicherheitschef Zhou Yongkang zum "Volkskrieg" gegen Parade-Störer aufgerufen. Peking gleicht inzwischen einer Festung. Die Stadt ist von einem Checkpoint-Ring umgeben, ein Freiwilligenheer überwacht jede Straße, Reiseveranstalter dürfen keine Touren mehr in die Hauptstadt anbieten.

Vor vier Tagen ließ Zhou Yongkang für die Parade-Proben sogar die Innenstadt sperren. Der Betreiber eines Büro- und Wohnkomplexes, an dem die Panzer vorbeirollen, musste nach eigenen Angaben 1 897 Wohnungen räumen - sowie 238 Büros und 48 Läden schließen. In den Diplomaten-Wohnanlagen an der Paradestrecke bekamen die Bewohner schon vor Wochen mitgeteilt, sie dürften während der Parade kein Fenster öffnen und nicht auf den Balkon treten. Sonst liefen sie Gefahr, von Scharfschützen erschossen zu werden.

Der Sicherheitsaufwand geht weit über das hinaus, was bei den Olympischen Spielen 2008 betrieben wurde. Auch das Internet und Mobilfunknetze sind schon beeinträchtigt - und sollen am 1. Oktober in Pekings Innenstadt zum Teil abgeschaltet werden. Der Luftraum über der Stadt ist bereits gesperrt. Tauben müssen auf Anordnung der Behörden in ihren Käfigen bleiben, Drachen steigen lassen - ein beliebter Sport unter Chinas Senioren - ist ebenfalls verboten.

Seite 1:

China und die Angst vor dem Volk

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%