60. Jahrestag
China: Raketen fürs Volk

China begeht seinen 60. Jahrestag. Doch was eigentlich ein Grund zum Feiern für die Massen wäre, verkam zur Waffenschau und Demonstration der Macht. Die Pekinger wurden aufgefordert, daheim zu bleiben und die Militärparade am Fernseher zu verfolgen. Die Partei feiert sich selbst.
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PEKING. Langsam rollen die schweren Lastwagen am Platz des Himmlischen Friedens vorbei. Zu den dröhnenden Motoren schmettert blecherne Marschmusik aus den Lautsprechern. Doch weder die flotten Töne noch die hellblaue Tarnfarbe kann verbergen, dass die Militärfahrzeuge explosives Gerät transportieren. Auf den Rampen der Ladeflächen liegen nuklear bestückbare Interkontinentalraketen, zeigen hinauf in den stahlblauen Himmel über der chinesischen Hauptstadt.

China hat sich am heutigen Donnerstag mit der größten Waffenschau seiner Geschichte zum 60. Jahrestag gratuliert. Und Höhepunkt der ersten Militärparade seit zehn Jahren waren die modernen Langstreckenrateketen, die als "Trumpfkarte" angepriesen wurden. 90 Prozent aller gezeigten Waffengattungen seien aus chinesischer Produktion und wurden noch nie zuvor gezeigt, so der Kommentator. So wurden erstmals auch "scharfe Schwerter" vorgeführt - Marschflugkörper "für Präzisionsschläge gegen den Feind", wird erklärt.

Vor allem aber die Interkontinentalraketen lösten Beifall bei Zuschauern und Chinas Führung aus. Die präsentierte sich genau an dem Ort, an dem Mao Zedong 1949 die Gründung der Volksrepublik verkündet hatte und wo 1989 Zehntausende Chinesen vergeblich für mehr Demokratie protestiert hatten, als selbstbewusste Militärmacht. Staats- und Parteichef Hu Jintao, zugleich auch oberster Kommandeur der chinesischen Volksbefreiungsarmee, hatte zuvor die Armee stehend in einer Limousine des Typs "Rote Fahne" abgenommen. "Die Truppen sind bereit!", schallte es laut und weit über den historischen Platz.

In seiner Rede unter dem großen Mao-Bild am Eingang zur Verbotenen Stadt versicherte Hu Jintao jedoch, China sei der "friedlichen Entwicklung" verpflichtet und werde sich für den Weltfrieden einsetzen. Der Präsident, der sich auch für weitere "Reformen und Öffnung" im eigenen Land aussprach, stellte klar: "60 Jahre haben bewiesen: Nur der Sozialismus kann China retten!"

Hu Jintao forderte in dunkler Mao-Jacke zudem eine friedliche aber vollsständige Wiedervereinigung mit Taiwan und sprach sich für eine stärkrere Integration der ethnischen Minderheiten in der Volksrepublik aus. Die vergangenen Unruhen in den Provinzen Tibet oder Xinjiang erwähnte er dabei nicht. Die 56 Volksgruppen, die im Reich der Mitte leben, wurden bei der Feier in Peking durch 56 große rot-goldene Säulen auf dem Platz des Himmlischen Friedens symbolisiert.

Chinas Volksmassen mussten das Spektakel aber vor dem Fernseher verfolgen. Die 17 Millionen Pekinger waren aufgefordert worden, daheim zu bleiben. So fand die Parade am Vormittag unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen und nur vor handverlesenem Publikum statt. Den 5000 Panzern und andere Militärfahrzeugen mit 8000 Soldaten folgten rund 180 000 Darsteller, darunter viele rote Tücher schwenkende Bauern und Schulkinder.

Immerhin hatte Chinas Führung - wie schon zu Olympia - mit dem Einsatz von Chemiekalien für bestes Wetter gesorgt. War noch an den Vortagen die Hauptstadt in eine dicke Smog- und Dunstglocke gehüllt, strahlte zur Parade die Sonne über der neuen Weltmacht. Pekings Wetterfrösche hatten über Nacht künstlich Regen erzeugt, der den Nebel und den Smog vertrieben hatte. Damit war der Himmel auch frei für die bislang größte Schau der Luftwaffe: 151 Kampfjets, Bomber und Hubschrauber jagten über die Hauptstadt. Dabei steuerten erstmals Pilotinnen 15 Flugzeuge am Ende der Formationen.

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