75. Jahrestag Wie Russland die Schlacht um Stalingrad heute ausnutzt

Die Schlacht von Stalingrad war eine der blutigsten Episoden im Zweiten Weltkrieg. Je weiter der Sieg zurückliegt, desto größer und pompöser werden die Paraden, wie am 75. Jahrestag zu beobachten ist.
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Neben regulären Soldaten nehmen auch Kadetten der Militärakademien und Mitglieder der sogenannten „Jugendarmee“ im Alter von elf bis 18 Jahren an der Parade teil. Quelle: Reuters
75. Jahrestag der Schlacht von Stalingrad

Neben regulären Soldaten nehmen auch Kadetten der Militärakademien und Mitglieder der sogenannten „Jugendarmee“ im Alter von elf bis 18 Jahren an der Parade teil.

(Foto: Reuters)

Moskau75 Jahre nach dem Ende der Schlacht um Stalingrad rollen wieder Panzer die Wolga entlang: Mit einer großen Militärparade feiert die Stadt das Datum, das als Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg gilt. 1500 Uniformierte marschieren über den „Platz der gefallenen Kämpfer“. Neben regulären Soldaten nehmen auch Kadetten der Militärakademien und Mitglieder der sogenannten „Jugendarmee“ im Alter von elf bis 18 Jahren an der Parade teil. An schwerer Technik bieten die Streitkräfte 75 Panzer und Kampffahrzeuge sowie 50 Kampfhubschrauber und -flugzeuge auf. Die Parade gibt es alljährlich, doch die Anzahl der Militärfahrzeuge sei „Rekord“, vermeldet die „Komsomolskaja Prawda“ stolz.

Ein Panzer vom Typ T-34 führt die Kolonne an, doch natürlich präsentiert das Militär zu dem Anlass modernste Technik: T-90-Panzer, mobile Luftabwehrsysteme und Raketenwerfer vom Typ „Iskander“, die auch mit Atomsprengköpfen bestückt werden können. Darüber dröhnen die MiG- und Su-Kampfjets. Kulmination ist der Auftritt der bekannten Elite-Kunstflugstaffel „Strischi“ („Mauersegler“). Er soll bei den Zuschauern Staunen und zugleich Stolz auf das vaterländische Militär hervorrufen.

Die Schlacht von Stalingrad war eine der blutigsten Episoden des von den Nazis gestarteten Eroberungsfeldzugs gegen die Sowjetunion. Über 700.000 Soldaten und Zivilisten kamen dabei ums Leben. Die damals noch weitgehend aus Holzbauten bestehende Industriestadt, die zwischen 1925 und 1961 den Namen des Sowjetdiktators Josef Stalin trug, wurde durch die Luftangriffe der deutschen Wehrmacht fast vollständig zerstört und musste anschließend neu aufgebaut werden. Die Opfer geraten bei den jetzigen Feierlichkeiten aber in den Hintergrund.

So gehört bereits traditionell eine Rekonstruktion, also die kostümierte Nachstellung des Schlachtengetümmels, zum Unterhaltungsprogramm an den Jahrestagen der Kapitulation der 6. Armee. Seit 13 Jahren nehmen die Rekonstrukteure jeweils zum 2. Februar Generalfeldmarschall Friedrich Paulus wieder gefangen. Anlässlich des 75. Jahrestags wird er 2018 zum Vergnügen der Zuschauer sogar gleich siebenmal hintereinander in dem Kellergewölben des einstigen zentralen Kaufhauses von Rotarmisten festgenommen und verhört.

Reenactment, also das schauspielerische Nachstellen historischer Schlachten, hat in Russland Hochkonjunktur. Und so wurden in den vergangenen Wochen und Monaten schon Elemente der siegreichen sowjetischen Gegenoffensive „Operation Uranus“ nicht nur in Wolgograd, sondern in den verschiedensten Landesteilen vom nordwestlichen St. Petersburg bis zum fernöstlichen Pazifikgebiet Primorje um Wladiwostok nachgespielt.

Das stille Gedenken an die Opfer gibt es durchaus. An verschiedenen Stellen des einstigen Kriegsschauplatzes werden Blumen niedergelegt, zur Mittagszeit ist eine Schweigeminute im gesamten Stadtgebiet angesetzt. Doch in dem militärischen Pathos mit all den lauten und teils waffendröhnenden Feierlichkeiten zwischen Militärparade, Panzerausstellungen, Motocross, Lasershow, Feuerwerk und Kalaschnikow-Fingerübungen muss die Trauer hinter patriotischem Enthusiasmus zurückstehen.

Auch die Medien fokussieren sich bei der Berichterstattung auf die unbestreitbar enorme militärische Bedeutung des Jubiläums und die theatralischen Events dazu. Schon die Generalprobe der Militärparade war ein Thema für die landesweiten Nachrichten. Immerhin: Auch das Schicksal der Veteranen von Stalingrad – ansonsten weitgehend von Medien, Öffentlichkeit und Behörden vergessen – ist plötzlich wieder aktuell.

In Stavropol werden russische Helden gemacht
Stavropol
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Auf dem russischen Luftstützpunkt „Russian Knight Base“ nahe der russischen Provinz Stavropol besuchen russische Jugendliche die Kadettenschule Jermolow. Benannt ist die Schule nach dem General Alexej Petrowitsch Jermolow. Seit Gründung der Schule vor zehn Jahren steht sie jedem Kind frei.

Gewöhnliche Mittelschule?
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Wie in jeder anderen weiterführenden Schule auch, besuchen die Jugendlichen Jermolow bis zum Abitur. Der Lehrplan orientiert sich dem offiziellen Lehrplan für Mittelschulen. Ein Schwerpunkt liegt aber auf der sportlichen Betätigung. Und es gibt einen weiteren außergewöhnlichen Schwerpunkt.

Der russische Weg
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Die kilometerlangen Märsche, die auf dem Stundenplan stehen, und die Turnübungen gehen weit über einen gewöhnlichen Sportunterricht hinaus. Kritiker sprechen von erheblichem psychischen Druck und Methoden, die gerade für jüngere Kinder ungeeignet sind.

Heldentum
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General Jermolow, nach dem die Schule benannt ist, gilt als herausragender Artillerieführer seiner Zeit und großer Kriegsheld der russischen Romantik.

Überlebenstraining
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Weil sie lernen sollen, Extremsituationen zu meistern, werden die Schüler in verschiedenen Simulationen ebendiesen ausgesetzt. Schon die Jüngsten lernen den Umgang mit scharfen Waffen: Für eine Taktikübung bekommen sie etwa Messer und Axt. Doch nicht nur das.

Mathe, Erdkunde, Schießen
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Auch der Umgang mit Waffen muss in einer Militärschule natürlich gelernt werden. Er gehört zur regulären Ausbildung an der Kadettenschule. Ein Lehrer des Militär-Patrioten-Klubs zeigt die richtige Handhabung eines Gewehrs.

Schanzentraining für den Kriegsfall
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Zum Überlebenstraining gehört aber auch das Schanzentraining, bei dem die Kadetten alleine im Wald zu Recht kommen müssen und etwa Schützenlöcher ausheben.

Keine Diskussion hingegen ist den Medien die kurzzeitige Rückbenennung in Stalingrad wert. Bereits seit 2013 heißt Wolgograd am 2. Februar, am 9. Mai („Tag des Sieges“) und vier weiteren militärischen Gedenktagen im Jahr wieder Stalingrad. Die Stadtverwaltung gab damals dem Antrag eines Veteranenverbandes statt, obwohl viele Bewohner Wolgograds selbst dagegen waren.

Der Zweite Weltkrieg ist für das Selbstverständnis der Russen elementar. Andere geschichtliche Ereignisse wie die Bewertung der Zarenzeit, der Revolution, oder der Perestroika spalten das Land bis heute. Umso mehr dient der Sieg im Krieg als einigendes Element. Der Heldenmut, mit sich dem die damaligen Verteidiger in Stalingrad unter dem Befehl „Kein Schritt zurück“ im Kampf gegen die faschistischen Angreifer für ihre Heimat opferten, erfüllt die Menschen bis heute mit Stolz und Patriotismus. 55 Prozent der Russen sehen die Schlacht von Stalingrad als den entscheidenden Punkt im Krieg.

Diesen Patriotismus nutzt der Kreml seit Jahrzehnten für eigene Zwecke. Schon Stalin ließ sich als genialer Generalissimus feiern, obwohl die „Säuberung“ der sowjetischen Streitkräfte kurz vor dem Ausbruch des Kriegs zu einer massiven Schwächung der Roten Armee führte und auch der anfänglich von ihm ausgeübte Oberbefehl über die Truppen viele sinnlose Opfer forderte. Seine Nachfolger gebrauchen den Glanz von Militärparaden und Flugzeugshows, um Stärke zu demonstrieren.

Je weiter der Sieg zurückliegt, desto größer und pompöser werden die Paraden. Das zeigt zwei Tendenzen an: Erstens gibt es in der jüngeren Vergangenheit wenig zu feiern für die Russen. Zweitens deuten sie auf die zunehmende Militarisierung der russischen Gesellschaft hin. Auch die Feierlichkeiten um das Stalingrad-Jubiläum wurden fast ein Jahr im Voraus geplant. Das Dekret dazu hat Präsident Wladimir Putin bereits im Februar 2017 unterzeichnet – und nicht zufällig ernannte er den für Rüstung zuständigen Vizepremier Dmitri Rogosin zum Chef des Organisationskomitees. Am Rande der Veranstaltungen will die russische Armee dann auch eifrig neue Rekruten werben.

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1 Kommentar zu "75. Jahrestag: Wie Russland die Schlacht um Stalingrad heute ausnutzt"

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  • "Der grosse Vaterlaendische Krieg" sollte Mahnung sein, nicht Verherrlichung.Und ist es
    wahr, dass Politkommissare ihre eigenen Soldaten in den Ruecken geschossen, falls sie
    zurueckwichen?

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