800 Menschen starben
WHO kämpft hilflos gegen Schweinegrippe

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bekommt die global grassierende Schweinegrippe nicht in den Griff. "Diese Seuche breitet sich schneller aus als andere Seuchen, die wir bisher erlebt haben", warnten die obersten Gesundheitswächter der internationalen Gemeinschaft am Dienstag in Genf.

GENF. Inzwischen sind weltweit 130 000 Fälle bestätigt, davon rund 7 200 in Deutschland. Die Dunkelziffer dürfte laut WHO weit höher liegen. 800 Menschen sind an den Folgen von H1N1 gestorben.

Dabei gilt noch immer, was WHO-Generaldirektorin Margaret Chan erst unlängst im Land der ersten gemeldeten Fälle, Mexiko, sagte: Die Pandemie werde moderat verlaufen, "zumindest in ihren frühen Tagen". Anders ausgedrückt: Die Schweinegrippe, die Menschen auf Menschen übertragen, könnte doch noch zu einem Massensterben führen. Bei der letzten großen Pandemie, der Hongkong-Grippe von 1968, starben rund eine Million Menschen. "Die Gefahr ist nach wie vor die Mutation", erläuterte eine WHO-Mitarbeiterin: "Falls sich das Virus mit einem anderen Virus verbindet, könnte eine aggressivere Form des Virus entstehen."

Ein weiteres Problem, das bei den Mitarbeitern in der Genfer WHO-Zentrale Kopfzerbrechen auslöst: Noch ist ein Impfstoff gegen die Schweinegrippe nicht fertig für die Massenproduktion. Und auch nicht alle Menschen können auf eine Versorgung hoffen. Schon macht in der WHO das Wort von "Verteilungskämpfen" die Runde. Die Gesundheitsorganisation schätzt, dass Pharmafirmen frühestens im September die ersten Impfdosen ausliefern werden.

Die Unternehmen könnten nach optimistischen Prognosen in den ersten zwölf Monaten fast fünf Milliarden Dosen herstellen, nach anderen Schätzungen können die Hersteller in den ersten zwölf Monaten nur ein bis zwei Milliarden Dosen anbieten; nach letzten WHO-Angaben verfügen rund 20 Pharmafirmen wie Novartis und Sanofi-Aventis über die nötige Lizenz zur Herstellung von Grippe-Impfstoffen. Rund 70 Prozent der Produktionskapazitäten für die entsprechenden Impfstoffe liegen in Europa und Nordamerika.

So könnten die Menschen in den armen Regionen der Welt leer ausgehen - das zumindest fürchten WHO-Spezialisten. "Viele Staaten Afrikas haben nicht das nötige Geld, um den Impfstoff zu beschaffen. Und es fehlt an der Infrastruktur, die Bevölkerung schnell zu impfen", heißt es. Immerhin aber versprach Sanofi-Aventis, 100 Millionen Impfdosen für arme Länder bereitzustellen.

Aber auch den reichen Staaten drohen Komplikationen, vor allem wenn die Aufklärung nicht funktioniert. So müssen die Behörden überzeugend kommunizieren, warum Gesundheitspersonal und Schwangere bevorzugt geimpft werden, andere Personen aber auf Schutz warten müssen.

Harvey Fineberg vom Institute of Medicine in der US-Hauptstadt Washington warnt auch vor einem anderen Phänomen: Impfe man eine sehr große Zahl älterer Menschen, würden einige der Geimpften am nächsten Tag eine Herzattacke erleiden, die auf eine andere Ursache als die Impfung zurückgehe. Es sei deshalb wichtig, die Öffentlichkeit über die Möglichkeit von Komplikationen nach einer Impfung aufzuklären.

Fineberg erinnert an eine Impfkampagne 1976 in den USA gegen eine Form der Schweinegrippe, die nur isoliert in einer Kaserne auftrat. US-Präsident Gerald Ford ordnete vorschnell die Impfung aller Einwohner des Landes an. Ende des Jahres waren 40 Millionen von 200 Millionen Amerikanern erreicht. Doch es starben rund 30 Menschen an Nebenwirkungen der Impfung.

Neben den Unwägbarkeiten der Impfkampagne muss die WHO auch ein Auge auf normale Mittel gegen die Grippe werfen. Vor kurzem berichteten Gesundheitsbehörden in Dänemark, Japan und Hongkong von A(H1N1)-Viren, die resistent gegen das Anti-Grippemittel Tamiflu sind. Tamiflu aus dem Hause Roche gilt als wirksames Medikament, um die Schweinegrippe bei Menschen zu bekämpfen. Zwar gab die WHO umgehend Entwarnung und versicherte, es handele sich um "sporadische" Fälle. Fast zur gleichen Zeit aber warnte der beigeordnete WHO-Generaldirektor Keiji Fukuda: "Wir befinden uns definitiv in einer Periode, in der sich die Lage ändert."

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