Abhöraffäre: Sarkozy, der tölpelhafte Amateur

Abhöraffäre
Sarkozy, der tölpelhafte Amateur

Eigentlich will Sarkozy zurück in die Politik. Doch nun ist Frankreichs Ex-Präsident zum Abhöraffäre-Opfer geworden, weil ein Vertrauter Telefonate mitgeschnitten hat. Damit sinken seine Comeback-Chancen dramatisch.
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ParisVielleicht hat er sich wie Richard Nixon gefühlt, vielleicht ist er auch einfach nur größenwahnsinnig: Wie einst der frühere US-Präsident hat der Publizist Patrick Buisson, damals engster Berater von Präsident Nicolas Sarkozy, hunderte von Stunden interner Gespräche mitgeschnitten. Frankreichs Konservative sind erschüttert, weil sie fürchten, dass jeder von ihnen mit peinlichen oder gar beleidigenden Äußerungen auf den Audiodateien zu hören sein könnte. Die Affäre geht über die Politik hinaus, weil auch Spitzenleute aus Kommunikation und PR wie Franck Louvrier, früher Sarkozys Sprecher, und Jean-Michel Goudard, Mitgründer von Euro-RSCG, heute Havas, betroffen sind. Hier könnte in den nächsten Wochen so manche Karriere enden. Sarkozy ist bekannt dafür, dass er viele Mitarbeiter in hohe Ämter des Staates oder auf Posten in der Privatwirtschaft untergebracht hat.

Prominentestes Opfer der Affäre aber könnte Sarkozy selbst werden: Der Ex-Präsident arbeitet energisch an seinem politischen Comeback bei der Wahl 2017. Da er nun aber als tölpelhafter Amateur dasteht, der sich ahnungslos abschöpfen ließ und einem potenziellen Kriminellen Zugang zu seinem engsten Kreis verschaffte, sinken seine Chancen dramatisch. Also greift Sarkozy nun zum einzigen Mittel, das ihm bleibt, und klagt.

Die Abhöraffäre wurde zunächst vom Magazin Le Point erwähnt. Ernst wurde es aber erst, als die Wochenzeitung Le Canard Enchainé am Mittwoch Auszüge aus einem Mitschnitt von 2011 veröffentlichte. Darin redet Sarkozy mit seinem engsten Beraterkreis über einzelne Minister und eine bevorstehende Regierungsumbildung. Sarkozy deutet an, dass er eine Verurteilung seines damaligen Innenministers Brice Hortefeux befürchtet und die frühere Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie, die jetzt die Wahlliste der Konservativen (UMP) im Südwesten Frankreichs zum Europaparlament anführt, in schmutzige Geschäfte im Tunesien des Diktators Ben Ali verwickelt gewesen sei. Es fallen von Beratern Aussagen wie „Was für Nullen wir an der Spitze der Regierung haben“ und „Erznullen!“.

Der aus der rechtsextremen Szene hervorgegangene, als Experte für Meinungsumfragen auftretende Patrick Buisson verfügt angeblich über mehrere hundert Stunden an Aufzeichnungen. In den ausschnittweise von TV-Sendern ausgestrahlten Teilen sind unter anderem Sarkozy und seine Ehefrau Carla Bruni zu hören, die über ihre Einkommensverhältnisse und einen Wohnungskauf plaudern. Die beiden haben am Donnerstag angekündigt, dass sie Klage erheben werden. Sarkozy ist nach Aussagen von Mitarbeitern „fuchsteufelswild“. Das ist mehr als verständlich: Die Affäre könnte sein Comeback beenden. Bislang sind keine Bänder veröffentlicht worden, die Gespräche über ausländische Politiker zum Inhalt haben. Von Sarkozy ist aber bekannt, dass er sich etwa über Bundeskanzlerin Angela Merkel im kleinen Kreis gerne herablassend äußert. Sollten Mitschnitte auftauchen, die ausländische Politiker negativ darstellen, dürfte Sarkozy keine Chance mehr haben, noch ernst genommen zu werden. Erst Ende vergangener Woche war er in Berlin, ließ sich von Merkel im Kanzleramt empfangen und hielt eine Rede zur Europapolitik vor der Adenauer-Stiftung.

Buisson ist ein 64 Jahre alter Journalist, der anfangs für die rechtsextreme Publikation „Minute“ gearbeitet hat. Von der extremen Rechten entfernte er sich später, blieb aber immer ein harter französischer Nationalist. Mit seinem Sohn Georges liegt er im Streit. Der sagte am Donnerstag dem Magazin „Le Point“, dass sein Vater bereits 2007, zu Beginn der Amtszeit von Sarkozy, mit seinen illegalen Mitschnitten angefangen habe. Während Sarkozy und seine engsten Mitarbeiter unbeschwert vor sich hin quatschten, ließ Buisson in der Tasche sein Aufnahmegerät mitlaufen. Er habe seinem Sohn gesagt: „Das kann später noch mal nützlich werden.“ In Paris fragt man sich nun, wer die Audiodateien an die Medien gegeben hat. Der Sohn behauptet, er sei es nicht gewesen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

Kommentare zu " Abhöraffäre: Sarkozy, der tölpelhafte Amateur"

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  • Super,das wünsche ich allen Staatslenkern!
    Wir kommen ohne solche Dinge nicht mehr aus.

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