Ablehnung und Sarkasmus mit Händen greifbar
Naher Osten blickt skeptisch nach Annapolis

Trotz der vereinbarten Aufnahme von Friedensverhandlungen ist in Israel wie in den palästinensischen Gebieten wenig Optimismus zu spüren. Während Israelis die Ereignisse im fernen Annapolis mit Skepsis verfolgen, ist im Westjordanland wie im Gazastreifen die Ablehnung mit Händen zu greifen.

ap GAZA. In einem Haus in der Stadt Gaza drängen sich am Dienstag acht Bewohner aus der Nachbarschaft vor dem Fernsehgerät. Der Sarkasmus der Männer ist mit Händen greifbar, während sie die Reden des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas und des israelischen Regierungschefs Ehud Olmert verfolgen. „Er sollte sich schämen“, sagt einer, als Abbas gegen Ende seiner Rede ein einziges Mal die Not im Gazastreifen erwähnt. Ein anderer meint, Abbas sei nur Präsident in Ramallah. „Warum küsst du ihn nicht?“ ruft einer der Männer wütend dem Fernsehbild des palästinensischen Präsidenten zu, als dieser Olmert die Hand reicht.

Zuvor waren mehrere zehntausend Anhänger der den Gazastreifen beherrschenden Hamas-Bewegung durch die Straßen der Stadt gezogen. In Sprechchören wurde immer wieder der Ruf laut: „Tod für Amerika!“ Die Teilnehmer, unter ihnen viele Frauen in schwarzen Kleidern und mit verschleiertem Gesicht, verurteilten die Konferenz in Annapolis als Ausverkauf des palästinensischen Traums. Proteste gegen Annapolis gab es auch im Westjordanland. Dort wurde am Dienstag in Hebron ein 36-jähriger Mann von palästinensischen Polizisten erschossen.

Auch in Israel stießen die Reden der Konferenzteilnehmer bei den einfachen Leuten kaum auf Resonanz. Die Fernsehgeräte in den Cafés oder an Felafel-Ständen im Zentrum von Jerusalem übertrugen zum Zeitpunkt des Konferenzbeginns nicht die Ansprachen in Annapolis, sondern die gewohnten Feierabend-Soaps oder waren ganz ausgeschaltet. „Wir sind arbeitende Menschen, wir haben keine Zeit für so was“, sagte der Kiosk-Betreiber Yaniv Cohen.

Zwar weisen Umfrageergebnisse sowohl bei Israelis als auch bei Palästinensern eine Mehrheit für eine Verhandlungslösung des Konflikts aus. Die meisten sind aber skeptisch, ob den Reden in Annapolis auch wirklich die entsprechenden Taten folgen werden. Die verbreitete Opposition gegen die Konferenz hat den jüdisch-orthodoxen Nationalisten neuen Auftrieb gegeben. Am Montag kamen mehr als 15 000 von ihnen in die Altstadt von Jerusalem. Selbst die israelische Regierung steht nicht geschlossen hinter der Friedenskonferenz von Annapolis. Kabinettsminister Avigdor Lieberman bezeichnete das Treffen als reines Gerede. Er habe keinerlei Erwartungen für den Tag nach Annapolis.

Die Hoffnung ist im Nahen Osten ein zartes Pflänzchen. Aber es wächst sogar mitten in Gaza. Dort versammelt sich am Dienstag ein Häuflein von Intellektuellen zu einer Pressekonferenz. „Ohne Annapolis gibt es gar keine Hoffnung“, sagt der Politikwissenschaftler Ajman Schahin von der Universität Al Aschar. Ein paar Schritte weiter stimmt der Ladenbesitzer Wael Sarfiti zu. „Wenn diese Konferenz und der Friedensprozess scheitern, wird das eine Katastrophe“, sagt der Vater von sieben Söhnen. Sein Laden habe wegen der Grenzschließung kaum noch Waren, klagt der 42-Jährige, der sich von einem Friedensabkommen einen Sturz der Hamas erhofft. Seit deren Machtübernahme im Juni ist das Leben im Gazastreifen von Tag zu Tag schwieriger geworden. Heute leben drei von vier Menschen in dem Gebiet in völliger Armut.

Seite 1:

Naher Osten blickt skeptisch nach Annapolis

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%