Absatzkrise
Die Krise hat die Gestalt eines „U“

Christian Wullf besucht als VW-Aufsichtsrat in Japan auch die Konkurrenz und trifft Toyota-Chef Katsuaki Watanabe. Gleichzeitig sucht er nach Antworten auf die Frage, wie lange die Krise dauern wird.

OSAKA/TOKIO. Krise? Von einer Krise ist in den VIP-Räumen der Toyota-Zentrale in Japan wenig zu spüren. Dicke Teppiche schlucken jeden Lärm im Allerheiligsten des weltgrößten Autokonzerns, das Licht ist gedämpft, alte Drucke an den Wänden künden von Traditionsbewusstsein und Wohlstand. Nach kurzem Händedruck ziehen sich Christian Wulff, Ministerpräsident im Volkswagen-Land Niedersachsen und daher im Aufsichtsrat des VW-Konzerns, und Toyota-Präsident Katsuaki Watanabe zurück.

Die Herren haben viel zu besprechen: über die Entwicklung des weltweiten Automarkts, von General Motors bis Opel, von Toyota-Cho bis Wolfsburg. Und über den Standort einer künftigen Toyota-Fabrik in Europa, ein Vorhaben, für das Wulff Niedersachsen ins Gespräch bringt, das aber "auf absehbare Zeit" nicht realisiert werden wird, wie er nach dem Gespräch sagt. Watanabe revanchiert sich für das Angebot mit Höflichkeit. Er lobt Deutschland für die Abwrackprämie, eine Konjunkturhilfe auch für die Kleinwagen von Toyota. Schon heute will er sich bei der Regierung in Tokio dafür stark machen, dass Japan sich an Deutschland ein Beispiel nimmt.

VW also trifft Toyota, der größte Autobauer Europas den größten Autohersteller der Welt, zwei Rivalen eigentlich auf einem Markt mit Überkapazitäten in Millionenhöhe, zwei Konkurrenten um Platz eins unter den Autoherstellern, die sich nunmehr gemeinsam gegen eine Krise stemmen wollen, die die ganze Welt erfasst. Lange Zeit Undenkbares soll nun möglich werden - eine Zusammenarbeit, wenn auch nur bei ausgewählten Projekten. "Boeing und Airbus sind die schärfsten Rivalen, die man sich vorstellen kann, und verfolgen trotzdem gemeinsame Projekte. Dies könnte Vorbild für Toyota und Volkswagen sein", sagt Wulff nach dem Treffen. VW habe gute Erfahrungen mit Navigationssystemen aus Japan gemacht, die Japaner mit Getrieben aus Deutschland.

Seit Sonntag reist der CDU-Politiker aus Deutschland durch Japan - und allerorten hört er, wie hart das Land von der Wirtschaftskrise getroffen ist. Im Herbst hatte es noch so ausgesehen, als könnte Japan als Gewinner aus der globalen Krise hervorgehen, inzwischen ist die Realwirtschaft eingebrochen wie in keinem anderen G7-Staat. Im Januar sank die Industrieproduktion im Vergleich zum Vormonat um zehn Prozent - Krisenrekord.

Einst stolze Großunternehmen wie Nissan und Sony kündigen die Entlassung von Zehntausenden Mitarbeitern an. Wulff spürt diese Abschwungstimmung. Da ist der Unternehmer in Osaka, der davon spricht, ganze Stahlwerke auf absehbare Zeit einzumotten. Da ist in seinen Gesprächen ernsthaft die Rede von Abbrucherscheinungen in einem Industrieland, das womöglich nie wieder zu voller Blüte zurückkehren wird.

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