Abschied von Italien
Vom Sehnsuchtland zum Sorgenkind

Mit dem Zug hat sich Handelsblatt-Autor Sven Prange auf die Reise durch sein geliebtes, aber von der Schuldenkrise gebeuteltes Italien gemacht. In einem Brief nimmt er nun Abschied von Bella Italia.
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Während ich diesen Brief schreibe, sitze ich im Zug und reise durch Deine schönen Landschaften. Ich sehe, wie die Sonne auf die Hügel der Lombardei scheint und merke dennoch, wie dunkle Wolken einen Schatten auf die Szenerie werfen. Deswegen schreibe ich Dir. Ich sorge mich um Dich, Bella Italia, um Deine Schönheit, Deinen Charme, Deinen Beitrag zu Europa – ja, um Deine wirtschaftliche Zukunft.

Denn ich lese üble Sachen über Dich in den Zeitungen, sehe im Fernsehen, wie Deine Politiker Dich immer weiter in die Ausweglosigkeit führen, verfolge an den Finanzmärkten, wie jene Investorenwelt Dich plötzlich auf Entzug setzt, von der Du bisher wie ein Junkie Deinen Stoff bezogen hast, der Dir Dein Dolce Vita erst so richtig ermöglichte.

Der Freccia Rossa, wie die italienische Bahn ihren Schnellzug nennt, saust wie ein Pfeil durch Dein Land, von Mailand über Bologna, Florenz und Rom nach Neapel, während ich durch das Fenster das sehe, was Dich einst stark machte, wofür wir Deutschen Dich lieben – und was Dich am Ende ruiniert hat.

Während meiner Reise erfahre ich von findigen Mittelständlern, genialen Unternehmern, engagierten Bürgern, die an Dir leiden. Vor allem aber treffe ich Menschen, die misstrauen – sich untereinander und dem Staat: Funktionäre aus dem Gestern, Akademiker auf der Flucht, Staatsdiener außer Kontrolle.

Wenn ich Dich darauf anspreche, wiegelst Du immer ab, zeigst auf andere, auf böse Politiker, fiese Märkte, gemeine Regierungen anderer Länder, die Dir das eingebrockt haben. Du kannst nicht anders, willst Du damit sagen. Ich glaube aber: Du willst nicht anders.

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