Abstimmung in Russland
Wenn der Zar gegen Stalin kämpft

Die Russen stimmen im Internet ab: Wer war der größte Held des Landes? Noch ist die Abstimmung nicht beendet, aber es zeichnet sich ein Zweikampf zwischen dem letzen Zaren Nikolaus II. und dem Diktator Josef Stalin ab, dem Millionen von Menschen zum Opfer fielen.

MOSKAU. Es ist fast wie in jenen Tagen vor neunzig Jahren. Damals, im Sommer 1918, standen sich in Russland zwei bitter verfeindete Gruppen im Bürgerkrieg gegenüber: Die "Weißen" und die "Roten" - die Anhänger des Zaren und die der Bolschewisten. Heute kann von Krieg zwar keine Rede sein, die Fronten stehen aber nach wie vor fest - im russischen Internet. Dort läuft ein Projekt, das ausgehend von einer BBC-Serie, bereits mehrere Nationen beschäftigt hat: Wer ist der größte Held, den ein Land aufzubieten hat?

"Russlands Name" wird gesucht. Und just einen Tag, bevor sich die Ermordung der Zarenfamilie zum neunzigsten Male jährt, gelang dem letzten Vertreter der Romanow-Dynastie auf dem Thron, Nikolaus II., der Sprung an die Spitze der Liste - vorbei an dem über lange Zeit führenden Diktator Josef Stalin. Auf Platz drei liegt ein weiterer Monarchistenfresser: Wladimir Lenin.

Ein Rennen zwischen Kommunisten und Zarentreuen im Jahr 2008? Schon seit Tagen hatte es immer wieder Beschwerden gegeben, dass irgendetwas mit der Internet-Abstimmung nicht in Ordnung sein könnte. So erhielt der Zar zuletzt angeblich pro Stunde Zehntausende Stimmen. Für Väterchen Stalin erwärmten sich jedoch nur noch wenige.

Es sei zu befürchten, dass sich verfeindete Gruppen des Projekts bemächtigt hätten und so das Bild verzerrten, spekulieren Blogger. Jeder kann schließlich so oft für seinen Helden klicken, wie er will. Ähnlich sehen es die Organisatoren, der staatliche Fernsehkanal Rossija und die Akademie für Geschichte. Auch in der ukrainischen Version war das schon einmal passiert: Dort lag lange der Nationalist Stepan Bandera vorne, der für kurze Zeit mit den Nazis paktiert hatte, dann aber von diesen interniert und nach dem Krieg angeblich im Auftrag des KGB in München ermordet wurde. Erst im Schlussspurt zog Dank eines SMS-Aufrufs Jaroslaw der Weise, einer der Kiewer Großfürsten, an ihm vorbei.

Auf den ersten Blick ist in Russland die Unterstützung von Stalin gar nicht so abseitig - steht er in den Augen vieler Russen doch für den Sieg über die Deutschen im "großen vaterländischen Krieg" sowie für die Industrialisierung des Landes. Auch in dem vom damaligen Präsidenten Wladimir Putin in Auftrag gegebenen neuen Schulbuch für russische Geschichte wird Stalin, dem Millionen zum Opfer fielen, durchaus auch wohlwollend betrachtet. Von einer breiten Auseinandersetzung mit dem Stalinismus und seinen Folgen ist die russische Gesellschaft noch ein gutes Stück entfernt.

Der Blick auf die weiteren Plätze zeigt aber ein differenziertes Bild: Auf Rang vier hält sich der in Sowjetzeiten wegen seiner kritischen Texte beliebte Liedermacher Wladimir Wyssotzkij, ebenso ist Boris Jelzin in den Top-Ten. Auch kommt Stalin in der Kurzbiografie auf der Webseite der Veranstalter keinesfalls gut weg: Er habe mindestens so viele Menschen auf dem Gewissen, wie die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg verloren habe, ist dort zu lesen.

Die Abstimmung läuft bis zum Herbst. In Deutschland gewann vor fünf Jahren Konrad Adenauer. Adolf Hitler stand freilich nicht zur Wahl.

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