Abtreibungsfrage spaltet das Land
Götterdämmerung über Washington

So logieren nur Götter. Die Vorhalle ist groß wie eine Kirche. Der Fußboden ist aus Marmor, die Wände sind aus Marmor, die Säulen davor sind aus Marmor. Das Weiß des edlen Steins kneift in den Augen. Der majestätische Hall verleitet zu ehrfürchtigem Flüstern.

WASHINGTON. Im Arbeitszimmer der Götter dahinter: noch mehr Marmor. Der schwarze am Boden stammt aus Marokko, der weiße der Säulen aus Italien, der rote aus Spanien. Die neun Stühle der Götter und ihr langer Tisch auf dem Podium sind aus Mahagoni. Ehe Amerikas Oberste Richter auf ihren Thronen Platz nehmen, schreiten sie zwischen acht Meter langen Samtvorhängen hindurch.

Marmor ist für die Ewigkeit. Die Götter in diesem Tempel aber sind sterblich. 70,7 Jahre alt im Schnitt sind die auf Lebenszeit ernannten sieben Männer und zwei Frauen im US Supreme Court, dem Obersten Gericht Amerikas. Heute feiert ihr Senior, John Paul Stevens, seinen 85. Geburtstag. Präsident Gerald Ford ernannte ihn zum Verfassungsrichter. Das war 1975.

Mit jedem Geburtstag der betagten Richter-Götter, mit jedem Gerücht über eine Grippe im weißen Tempel an der First Street gleich hinter der Kuppel des Kapitols rückt die verbissene Schlacht um Amerikas Seele näher. Der Kampf um die Neubesetzung eines oder mehrerer Posten des vielleicht mächtigsten Gerichts der Welt dürfte in den USA einen Kulturkampf auslösen.

Der Ewigkeit am nächsten steht wohl William H. Rehnquist, 81. Seit Oktober ward der Vorsitzende Richter nur einmal gesehen im Marmorpalast zu Washington, D.C.: Schilddrüsenkrebs. Bei seinem einzigen öffentlichen Auftritt, als er Präsident George W. Bush am 20. Januar den Amtseid abnahm, steckte über dem Kragen seiner schwarzen Robe eine Kanüle in seinem Hals, die Folge eines Luftröhrenschnitts. Einem solchen unterzog sich auch Papst Johannes Paul II. kurz vor seinem Tod.

Sobald Amerikas Präsident einen Nachfolger für Rehnquist nominiert, hat die Spaltung Amerikas in Konservative und Liberale ein neues Schlachtfeld. Über die Jahrzehnte hat das Gericht mit seinen Urteilen immer wieder die US-Gesellschaft verändert – und gespalten. 1954 verbot es die Rassentrennung an Schulen. 1973 erlaubte es Abtreibungen. Anno 2000 machte es Bush zum Präsidenten, als es die Stimmennachzählungen stoppte.

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