Abzug der Truppen aus Afghanistan
„Für uns ist 2014 gar nicht so schicksalhaft“

Dieses Jahr ziehen die Truppen aus Afghanistan ab. Doch die meisten Einwohner sehen das ganz gelassen. Denn das Land hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten schon viel erlebt. Ein Stimmungsbericht aus Kabul.
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KabulDer Granatapfel fliegt durch die Luft. Der große, bärtige Osthändler, hier im Kabuler Stadtviertel Share-Naw, fängt ihn mit der rechten Hand auf. Diese Frucht, die wie keine andere für den Süden Afghanistans und seine Wirtschaft steht, weil vor allem sie hier in großen Massen angebaut wird, ist mehr als ein Apfel. Für den Händler ist sie das Symbol für die Afghanische Wirtschaft – nicht mehr als ein internationaler Spielball. Und wie um das zu bekräftigen, fliegt der Apfel noch einmal hoch, wechselt von der rechten in die linke Hand.

Der Osthändler hat Recht. Denn von 1996 bis 2001, als das Taliban-Regime an der Macht war, gab es praktisch gar keine real existierende Wirtschaft in Afghanistan. Das Land war mit Sanktionen belegt und der einzige Handel fand mit Pakistan und zeitweise auch mit Saudi-Arabien statt. Doch genau diese beiden Staaten waren es auch, die zu jener Zeit den größten Einfluss auf das Taliban-Regime ausübten.

Nach dem Sturz der Taliban und dem Einmarsch Amerikas und seiner Verbündeten im Jahr 2001 sollte eigentlich eine neue politische und wirtschaftliche Struktur aufgebaut werden. Die sogenannte „Isaf-Mission“, an der insgesamt 49 Staaten beteiligt sind, sollte unter anderem den Wiederaufbau der afghanischen Wirtschaft garantieren. In den 1970er und 1980er hatte es immerhin eine funktionierende afghanische Wirtschaft gegeben. Diese war zwar nicht besonders stark, aber es waren wirtschaftliche Strukturen vorhanden, die für die damalige Zeit und für die hiesige Weltregion nicht einmal schlecht waren.

So sollte es wieder werden - mindestens. Doch der Plan der „Isaf-Mission“ nach dem Sturz der Taliban hatte einen Geburtsfehler: Von Beginn an arbeiteten die westliche Koalitionäre an mit Kriegsherren, den „Warlords“, zusammen. Die errichteten in Kabul und im restlichen Land eine Parallelwirtschaft, die vor allen Dingen dazu dient, dem jeweiligen Kriegsherrn und seinem Clan immer größere Profite zu ermöglichen. Gar nicht mehr lang, dann wird sich wieder alles ändern. Denn die Truppen werden bis Ende des Jahres abgezogen sein. Doch was dann wird? Klar ist, vieles wird sich ändern. Zum Beispiel da, wo die Truppen bis heute ihr Geld hintragen.

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In Afghanistan herrscht eine andere Zeitrechnung

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