Ägypten
529 Mursi-Anhänger zum Tode verurteilt

Nach nur zwei Sitzungen hatten die Richter genug gehört: Sie verurteilten bei einem Massenprozess 529 Anhänger des gestürzten ägyptischen Präsidenten Mursi zum Tode. Die Mehrheit der Angeklagten ist noch auf der Flucht.
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KairoEin ägyptisches Gericht hat 529 Mitglieder der Muslimbruderschaft zum Tod verurteilt. Das teilte ein Anwalt der Angeklagten am Montag mit. Die Verurteilten zählen zu einer Gruppe von insgesamt 545 Menschen, die sich unter anderem wegen der Tötung eines Polizeibeamten und der versuchten Ermordung zweier weiterer verantworten mussten. Gegen das Urteil kann Berufung eingelegt werden.

Den Angaben zufolge waren 153 der Angeklagten bei dem Gerichtsverfahren anwesend. Den anderen – die auf der Flucht sind – wurde der Prozess in Abwesenheit gemacht. 16 Angeklagte wurden freigesprochen. Das Verfahren in Minia wurde ungewöhnlich zügig durchgezogen. Die Verurteilungen erfolgten am zweiten Verhandlungstag. Die Verteidigung beanstandete, sie habe keine Gelegenheit gehabt, ihre Argumente vorzubringen.

Die Islamisten in der Provinz Minia hatten im Sommer 2013 – wie auch ihre Gesinnungsgenossen anderswo in Ägypten – gegen die Entmachtung des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi durch das Militär demonstriert. Nach der blutigen Unterdrückung dieser Proteste in Kairo und Alexandria durch die Sicherheitskräfte mit mehr als 1000 Toten kam es in der oberägyptischen Provinz zu Unruhen mit Todesopfern. Die Staatsanwaltschaft warf den Angeklagten den Mord an einem stellvertretenden Bezirks-Polizeikommandeur, Angriffe auf Regierungsgebäude und Brandschatzung von Kirchen der christlichen Kopten vor.

Am morgigen Dienstag steht in Minja ein neuer Massenprozess gegen 683 Mursi-Anhänger wegen ähnlicher Vorwürfe an. Zu den Angeklagten gehört auch der Chef der inzwischen verbotenen Muslimbruderschaft, Mohammed Badie. Gegen ihn laufen noch andere Verfahren.

Doch schon der Richterspruch am Montag kommt einer Rekord-Verurteilung gleich: Nach Angaben der Webseite „deathpenaltyworldwide“ sind in Ägypten zwischen 1981 und 2000 insgesamt 709 Menschen zum Tode verurteilt und 248 von ihnen hingerichtet worden.

Agentur
ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Ägypten: 529 Mursi-Anhänger zum Tode verurteilt"

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  • @ Torsten Steinberg

    Wieder ein Halbsatz, spart Platz. „"Jetzt haben Sie mich erwischt."?“
    Darum geht es gar nicht, sondern um die Ungleichbehandlung von Straftaten im Islam, auch im Bezug zum Geschlecht. Daran ändern auch Ihre Relativierungen in Bezug zum Christentum nichts. Fest steht, die Menschen im Christentum haben sich nach einem langen und blutigen Kampf von der Bevormundung „ihrer“ Kirche weitgehend befreit und sind sogar in der Lage ihren Alltag selbständig und ohne die Anweisungen des Glaubens zu regeln.
    Was die Verurteilung betrifft; Sie sehen dies aus einem Rechtsstaat heraus, in dem die Resozialisierung des Straftäters im Vordergrund steht und nicht die Strafe an sich. Dies führt dazu, daß von einem Großteil hier straffällig gewordener Muslime unsere Rechtsprechung als lächerlich empfunden und damit verachtet wird, denn das islamische Rechtssystem baut auf Rache und Vergeltung. Das wurde mit diesem Urteil gerade wirkungsvoll demonstriert.
    - Die Frauen im Islam haben noch einen langen und blutigen Weg vor sich, denn solange es dort Fundamentalisten gibt, werden sie ausschließlich das islamische Recht „genießen“ dürfen. Die wenigen weltoffenen Religionsführer werden weiterhin als Feinde betrachtet und Frauen, die sich Freiheiten nehmen, weiterhin bestraft bis hin zum Mord. Dies wird solange gehen, wie der Islam das gesellschaftliche Fundament dieser Völker bildet.

  • Sie weichen meinen Argumenten aus, indem Sie einerseits Halbsätze zitieren und allein diese zu widerlegen suchen, andererseits die Diskussion mit Einbeziehung der Rolle der Frau um ein Thema erweitern, um das es hier überhaupt nicht geht.

    Trotzdem, was soll ich sagen, wo Sie dieses Thema aufs Tapet gebracht haben: "Jetzt haben Sie mich erwischt."? Ich will zumindest nicht verschweigen, dass ich, was die verbreitete gesellschaftliche und rechtliche Benachteiligung der Frauen vor allem in islamisch geprägten, nicht säkular regierten Ländern angeht, diese für sehr bedauerlich halte und deshalb nicht nur dem Engagement zum Beispiel der marokkanischen Gruppe 475 und anderen in ihrem Kampf für gleiche Rechte viel Erfolg wünsche, sondern auch die staatlich verordnete Ausübung von Kardinalstrafen gegen Frauen für genauso wenig tolerierbar halte, wie die hier gefällten, über 500 Todesurteile.

    Die gesellschaftliche Gleichstellung von Frauen ist dagegen, anders als die rechtliche Gleichstellung, ein langwieriger Prozess, der nicht einfach zu verordnen und übrigens auch im Abendland noch längst nicht abgeschlossen ist. Da braucht es hier, wie deutlich mehr auch dort, noch viel Geduld und Spucke. Doch auch im Islam sollte man der wohlmeinenden Interpretation nicht die Tür verschließen, wie man es im Christentum auch nicht getan, nachdem im Alten Testament Sätze aktenkundig geworden sind wie "Die Frau schweige in der Gemeinde" oder "Die Frau sei dem Manne untertan".

  • @ Torsten Steinberg

    „Was die Differenzen von Philosophen und Rechtsschulen betrifft, sind solche unbestritten vorhanden.“

    Wie schön daß Sie das anerkennen. Die Philosophen und Rechtsschulen haben immer dann die Meinungshoheit, wenn es sich um sunnitische handelt, alle anderen Muslime gelten in deren Augen als Abtrünnige. Siehe der Kampf zwischen Sunniten und Shiiten usw.

    „Und der Schuldige gehört bestraft für das, dessen er sich schuldig gemacht hat.“

    Diese These, Ihre, steht auf wackeligen Füßen, sie fällt schon in sich zusammen, wenn es um die Verurteilung einer vergewaltigten Frau geht, die den Fehler gemacht hat den Vergewaltiger anzuzeigen.
    Hier in Europa wird der Vergewaltiger bestraft, im islamischen Recht die Vergewaltigte.

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