Ägypten: Erst die Moral, dann das Fressen

Ägypten
Erst die Moral, dann das Fressen

Politisch hat Ägyptens Opposition große Schritte durchsetzen können. Doch nun werden auch ökonomische Hoffnungen geweckt - und erstreikt. Aber die Armee droht mit hartem Vorgehen gegen Streikende.
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KairoVor  den Sandstein-Säulen der Misr Bank in Kairos Nobelviertel Heliopolis, wo bis zu ihrer Flucht noch der gestürzte Präsident Hosni Mubarak und seine beide Söhne Gamal und Alaa ihre von Panzern umstellten und von hohen Mauern verborgenen Villen hatten, stehen nun Demonstranten in weißen Hemden und Anzügen. Ägyptens Bankangestellte sind im Streik. „Wir wollen faire Löhne“, heißt es auf Plakaten.

Doch es geht nicht nur ums Geld: Vor der National Bank of Egypt haben aufgebrachte Ausständige Adel Farouk aus seinem Dienstwagen gezogen. Lautstark schreien sie auf den Director of Operations der ägyptischen Großbank ein, dass die alte Führung gehen solle: „Ihr wurdet doch alle noch von Mubarak eingesetzt, damit die Bonzen ihre Gelder über unsere Bank verschieben können und billig Kredite kriegen“, wirft ein Mann mit hellgrüner Krawatte zum sandbraunen Anzug dem Manager vor. Herein in das Kreditinstitut lassen die Streikenden ihn nicht.

Ägyptens Banken haben geschlossen – Ausstand der Angestellten. Damit stehen die Schalterfrauen und Kreditsachbearbeiter nicht allein im Land am Nil: Viele Branchen wie die Textilmühlen im Nildelta, große Organisationen wie der Elite-Fußballklub auf Kairos Nilinsel Zamalek oder sogar sie Polizei sind im Streik. Zuerst haben viele aus Ägyptens Mittelstand zusammen mit der Jugend des mit 83 Millionen Menschen einwohnerstärksten arabischen Landes ihren verhassten Diktator Hosni Mubarak gestürzt, nun kommt nach der Moral das Fressen: Die Forderung nach höheren Löhnen. Die Angestellten des staatlichen Telefonriesen Egypt Telecom haben ihren Streik bereits beendet nach der Zusage 15-prozentiger Lohnerhöhungen. Doch den Streikenden geht es nicht nur ums Geld: Sie verlangen auch die Ablösung ihrer vom Mubarak-Regime eingesetzten Führung.

Davor aber steht Ägyptens Armee, die neue Führung im Lande: In unmissverständlicher Sprache hat gestern ein Militärsprecher in einer landesweit au den Staatskanälen ausgestrahlten Rede dazu aufgerufen, die Streiks sofort zu beenden und wieder arbeiten zu gehen. Arbeitsniederlegungen und Proteste in schwierigen Zeiten gefährdeten die Sicherheit und die Produktion. Dass die Soldaten im anderen Fall ernst machen würden, hatten sie zuvor klar gemacht: Verbliebene Protestler auf Kairos Tahrir-Platz wurden von Militärpolizisten mit roten Baretten abgeführt. Ausländischen Fernsehsendern ihre Live-Übertragungen von dem Platz verboten, wo Millionen 18 Tage lang ausgeharrt hatten, um den Autokraten zum Abgang zu zwingen.

Zuvor hatten aber auch etwa 500 Polizisten in schwarzen Uniformen oder Zivil mit einem Marsch über den Tahrir-Platz für höhere Gehälter und Anerkennung gefordert: „Volk und Polizei vereint“, riefen sie und spielten damit auf den Ausruf der Demonstranten vor Tagen an „Armee und Volk vereint“. Fassungs-, sprachlos und wütend reagierten die Passanten mit zumeist offenen Mündern auf die Dreistigkeit der verhassten Polizei. Viele filmten den Aufmarsch auf Mobiltelefonen für Angehörige und Freunde. „Es ist nicht zu fassen. Diese Typen haben uns Demonstranten doch brutal angegriffen und jetzt tun sie so, als seien sie auch Revolutionäre“, sagte ein Jugendlicher, der tagelang auf dem Tahrir gestanden hatte.

Dabei schrie er einen Zivilpolizisten an, der demonstrativ sein blütenweißes Hemd unter der Lederjacke vorzeigte als wolle er sagen: Seht her, nicht blutbefleckt. Neben höheren Löhnen verlangten die Polizisten aber auch, dass der sogar noch von Mubarak kurz vor seinem Abgang abgelöste Innenminister gehängt werde.

Jim O´Neill von Goldman Sachs sprach gestern gegenüber Bloomberg von einem „Gefühl des Falls der Berliner Mauer“, das er über die Lage in Ägypten empfinde. Doch wirtschaftlich sendet Kairo sehr unterschiedliche Signale: So soll die Börse nun doch nicht schon am Mittwoch, sondern erst am Sonntag wieder öffenen. Sie war seit 30. Januar geschlossen. Zugleich legten im Ausland gehandelte Anrechtsscheine auf ägyptische Aktien (GDRs)  gestern an westlichen Börsen auf breiter Front zu.

Ägyptens Wirtschaft verliere täglich durch die Ausstände 310 Millionen Dollar, sagte Finanzminister Samir Radwan, warum die Streiks nun aufhören müssten. Die gleiche Summe hatte vorige Woche Analysten der französischen Credit Agricole errechnet. Zugleich sagte Radwan, die aktuelle Krise werde dazu führen, dass das Haushaltsdefizit von zuvor erwarteten 7,9 auf 8,3 Prozent ansteige. Zugleich kündigte er ein Programm zu Schaffung von 700 000 neuen Jobs an.

Wegen der erwarteten Mehrausgaben und höheren Staatsverschuldung hatten die Ratingagenturen aber Ägyptens Bonität heruntergestuft und so mehr Probleme mit der notwendigen Refinanzierung des Nil-Staats gemacht. Die Renditen für neue Geldmarktpapiere waren am Sonntag auf ein Zwei-Jahres-Hoch von rund elf Prozent gestiegen.

Zudem überlagern immer neue Gerüchte um den Aufenthaltsort und Gesundheitszustand des gestürzten Präsidenten Mubarak die Lage: Einige Kairoer Medien berichteten, er liege im Koma, andere wollen ihn bereits nach Schardscha, einem kleinen Teilstaat der Vereinigten Arabischen Emirate fliehen gesehen haben.

 

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent

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