Ägypten
Streiken für eine Kantine

Unabhängige Gewerkschaften bringen Ägyptens Regime immer mehr in Bedrängnis: Sie haben den größten Streik seit Jahrzehnten organisiert und damit eine Streikwelle im ganzen Land ausgelöst. Ein Arbeiteraufstand ist jedoch das Letzte, was das autoritäre Regime von Präsident Hosni Mubarak gebrauchen kann.

Ein Sandsturm färbt die Luft in den Straßen von Mahalla al-Kubra gelb. Grau sind die unverputzten Häuser, die meist ungeteerten Straßen und die heruntergekommenen Textilfabriken in der Stadt im Nildelta. Um 15.30 Uhr ruft die Sirene zum Schichtwechsel in der Misr Spinn- und Webfabrik, einem Staatsbetrieb nach Sowjetvorbild, der mit 27 000 Arbeitern die größte Fabrik Ägyptens ist.

Das Nordtor, einer von insgesamt 18 Ausgängen in der kilometerlangen Mauer um die Fabrik, spuckt Tausende erschöpfter Arbeiter aus. Für 15 Pfund Tageslohn – zwei Euro – haben sie acht Stunden lang die Maschinen bedient. Einige leisten sich ein Glas Zuckerrohrsaft, ehe sie mit dem Fahrrad oder dem Zug, der vor dem Werkstor hält, nach Hause fahren.

Nur Mohammed Attar wirkt lebendig und diskutiert mit einigen Kollegen – außerhalb des Fabrikgeländes. Drinnen wird der 37-Jährige ab dem Eingangstor von zwei Sicherheitsbeamten bis an seinen Arbeitsplatz an der Spinnmaschine begleitet.

Seit Dezember ist der Mann mit der Halbglatze und den lebendigen Augen Fabrikleitung und staatlichen Gewerkschaften ein Dorn im Auge: Attar hat zusammen mit zwei Kollegen den größten Streik seit Jahrzehnten organisiert und damit eine Streikwelle im ganzen Land ausgelöst.

Das hat die Mächtigen Ägyptens nervös gemacht, ist doch ein Arbeiteraufstand das Letzte, was das autoritäre Regime von Präsident Hosni Mubarak gebrauchen kann. Der 78-Jährige, der seit 1981 regiert, griff zuletzt zu immer rabiateren Methoden, um seine Herrschaft zu sichern – und beizeiten auch die seines Sohnes Gamal, der vor wenigen Tagen heiratete und damit ein gesellschaftliches Hindernis auf dem Weg zur Machtübernahme überwand.

Am Freitag soll im großen Stil gefeiert werden. Das Fest fällt mit dem 79. Geburtstag des Präsidenten zusammen. Für viele Ägypter ist die Hochzeit ein weiteres Indiz dafür, dass Gamal auf das Amt des Staatschefs vorbereitet wird.

Geäußerte Unzufriedenheit der Untertanen stört Mubarak senior bei solchen Plänen nur. Deshalb setzt er seine Polizei gegen die Gewerkschafter in Marsch. Dabei fordert Mohammed Attar nur, was Mubaraks Regierung selbst versprochen hat: Ein Dekret setzte die Jahresprämie für Arbeiter in Staatsbetrieben wie Misr von 100 Pfund (13 Euro) auf zwei Monatslöhne hoch. Doch die Fabrikleitung wollte davon nichts wissen – Streik.

„Der Funke war übergesprungen“, sagt Attar, „nach drei Tagen Streik haben wir unsere Forderungen größtenteils durchgesetzt.“ Nun will er den Schwung nutzen und die Absetzung der regimetreuen Gewerkschaftsführung des Betriebs erreichen, die den Streik verhindern wollte.

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