Ägypten
Suez-Kanal füllt Kairos Kasse

50 Jahre ist es her, dass die Krise um den Suez-Kanal die Weltmächte an den Rand eines dritten Weltkrieges führte. Heute ist die Wasserstraße weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Doch für Ägypten ist der 160 Kilometer lange Kanal, der das Mittelmeer mit dem Roten Meer verbindet, eine wichtige Lebensader.

KAIRO. Im vergangenen Jahr brachte der Suez-Kanal dem Staat die Rekordsumme von 3,5 Mrd. Dollar ein. 2003 waren es nur 2,8 Mrd. Dollar. Nach den Tourismuserlösen und den Geldern, die ägyptische Arbeiter aus dem Ausland nach Hause senden, sind die Transfergebühren die wichtigste Einnahmequelle Ägyptens.

„Seit der ersten Ölkrise 1973 und den steigenden Ölpreisen hat die wirtschaftliche Bedeutung des Kanals für Ägypten ständig zugenommen“, sagt der ägyptische Wirtschaftswissenschaftler Samir Radwan. Weil im März die Transfergebühren erhöht wurden und der Welthandel angesichts des Wirtschaftsbooms in China und Indien rasant zunimmt, konnte am 22. August – fast pünktlich zum 50. Jubiläum der Nationalisierung des Kanals – ein weiterer Rekord gefeiert werden: An einem einzigen Tag flossen 14,3 Mill. Dollar in die Staatskassen. 60 Schiffe hatten den Kanal in beiden Richtungen durchquert. Dabei sind die Gebühren immer noch niedriger als die, die für die Passage durch den Panama-Kanal verlangt werden. Rund 25 000 Ägypter arbeiten heute für die Kanalbehörde. Um auch größeren Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen, wird die Fahrrinne derzeit auf über 20 Meter vertieft.

Vor 50 Jahren machte der Suezkanal dagegen mehr aus politischen Gründen Schlagzeilen: Er wurde zum Spielball der ehemaligen Kolonialmächte England und Frankreich sowie Israels und des nationalistischen ägyptischen Regimes von Präsident Gamal Abdel Nasser. Die überraschende Nationalisierung des Prestigeobjekts im Juli 1956 festigte Nassers Renommee als pan-arabischer Führer, welcher den ehemaligen Kolonialmächten die Stirn bietet. Der Suez-Krieg, der am 29. Oktober 1956 mit dem Angriff Israels begann, führte zu einem Fiasko, das den Niedergang der Ex-Kolonialmächte und den Aufstieg der USA und der Sowjetunion als neue Großmächte besiegelte.

Nasser hatte sich in der Sowjetunion mit Waffen eingedeckt und so die USA und Großbritannien verärgert. Beide Länder zogen daraufhin bereits zugesagte Finanzhilfen für den Bau des Assuan-Staudamms zurück, mit dem Nasser die Modernisierung seines Landes vorantreiben wollte. Ägyptens Präsident antwortete auf diese Demütigung mit der Nationalisierung des Suez-Kanals, der britischen und französischen Aktionären gehörte. Die Regierungen in Paris und London beschlossen heimlich eine Militäraktion und verbündeten sich dazu mit Israel.

Bei einem Überraschungsangriff am 29. Oktober 1956 überrannten die Israelis die ägyptischen Stellungen auf dem Sinai und stießen schnell zum Suez-Kanal vor. Einen Tag später richteten Paris und London an die kämpfenden Parteien die ultimative Aufforderung, ihre Gefechte binnen zwölf Stunden einzustellen. Als das nicht passierte, schlugen Briten und Franzosen ihrerseits los. Dieses Vorgehen löste heftige Proteste in Washington und Moskau aus. Nachdem die USA eine gemeinsame Intervention abgelehnt hatten, drohte der russische Staatschef Nikita Chruschtschow mit einem einseitigen Vorgehen seines Landes – und dem Einsatz von Atomwaffen. Unter diesem Druck stimmten die Kriegsparteien schließlich einem Waffenstillstand zu, der britische Premier Anthony Eden musste zurücktreten, die USA und Russland bauten ihren Einfluss im Nahen Osten aus.

Angesichts der militärischen Konflikte in der Region hat die Wasserstraße auch heute noch große strategische Bedeutung. So nutzte etwa die US-Flotte den Weg, um Soldaten in den Irak zu transportieren. Vor diesem Hintergrund kann sich das Regime von Präsident Husni Mubarak des Rückhalts aus Washingtons sicher sein. Dies ist Segen und Fluch zugleich: Denn der Kanal – oder der Tunnel, der unter ihm hindurchführt – könnte zum Ziel islamistischer Terroristen werden, die der Regierung ihre Amerika-freundliche Haltung vorwerfen.

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