Ägyptische Arbeiter
„Sie sollten uns fürchten“

Niedrige Löhne und hohe Inflation treiben in Ägypten tausende Menschen auf die Straßen. Die Behörden reagieren mit Restriktionen. Verbessert sich die Lage nicht bald, befürchten Beobachter eine Eskalation der Gewalt.

Mahalla al-KobraAuch nach seiner Entlassung aus der größten ägyptischen Textilfabrik schlägt der Arbeiteraktivist Kamal al-Fajumi keine leisen Töne an. Drei Jahrzehnte arbeitete er dort, und er war als Agitator bekannt. In der Industriestadt Mahalla al-Kobra im Nildelta zeigt er stolz auf einen Arbeiterklub, Genossenschaftsläden, Kinos, ein Schwimmbad und ein Krankenhaus, die alle schon bessere Tage gesehen haben, und wischt Drohungen des Managements und der Polizei beiseite.

„Unsere Vorfahren haben diesen Standort gebaut“, sagt Al-Fajumi und blickt auf die Spinn- und Weberei Misr. „Wir sollten keine Angst haben, sie sollten uns fürchten!“

Zwar hat die Regierung von Präsident Abdel Fattah al-Sisi politische Demonstration in den vergangenen zwei Jahren weitgehend erfolgreich unterbunden, doch die schwere wirtschaftliche Lage führte zu einer Zunahme von Arbeitskämpfen. Eine zweistellige Inflationsrate, niedrige Löhne und verzögerte Gehalts- und Bonuszahlungen ließen die Bereitschaft zu Streiks und Protesten in Ägypten steigen. Seit vergangenem Monat halten Arbeiter im Hafen von Alexandria und sogar in Kairo Sitzstreiks ab und widersetzen sich damit einem Verbot, das 2013 nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi verhängt wurde.

In den ersten vier Monaten 2016 kam es zu insgesamt 493 Protestaktionen, eine Steigerung um 25 Prozent gegenüber demselben Vorjahreszeitraum, wie die ägyptische Nichtregierungsorganisation Democracy Meter ermittelte. „Die Arbeiterschaft hat versucht, Al-Sisi eine Chance zu geben. Aber man kann nicht den Leuten die Rechte wegnehmen und es gleichzeitig versäumen, gegen die Armut vorzugehen“, sagt Mohammed Adel, der Direktor der Organisation. Einen Marsch unabhängiger Gewerkschaften am Internationalen Tag der Arbeit im Mai verboten die Behörden.

Der frühere Präsident Husni Mubarak ließ während seiner 30-jährigen Amtszeit nur staatlich kontrollierte Gewerkschaften zu und hielt Proteste damit weitgehend im Zaum. Doch gegen Ende seiner Herrschaft hielten unabhängige Gewerkschaften Proteste ab, und Arbeiter spielten beim Aufstand von 2011, der zu Mubaraks Sturz führte, eine maßgebliche Rolle. Seither steht die organisierte Arbeiterschaft unter intensiver Kontrolle.

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Neue Gesetze sollen Gewerkschaften schwächen

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