Ändert die Boko Haram ihre Taktik?
Dutzende Tote bei Explosion in Abuja

Jahrelang waren vor allem Christen und Polizisten das Ziel nigerianischer Islamisten. Doch mittlerweile gibt es nun scheinbar wahllose Anschläge auf Menschenansammlungen - neuerdings auch in der Hauptstadt.
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AbujaSeit Monaten vergeht kaum ein Tag in Nigeria, in dem kein Zivilist schrecklichen Terrorakten zum Opfer fällt. Für fast alle soll die radikalislamische Sekte Boko Haram verantwortlich sein. Nach Schätzungen wurden seit Jahresbeginn mindestens 1500 unschuldige Menschen von Bomben zerrissen oder erschossen. Meist konzentrieren sich die Angriffe auf den Nordosten des Landes, wo die Extremisten der Bevölkerung seit 2009 einen Gottesstaat auf Grundlage der Scharia aufzwingen und jegliche westliche Orientierung ausmerzen wollen. Deshalb kam der jüngste Anschlag auf einen Busbahnhof in einem Vorort der Hauptstadt Abuja für die meisten völlig unerwartet.

Der Stadtteil Nyanya, Montagmorgen, um kurz vor sieben Uhr. Pendler trudeln ein, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit ins Zentrum zu fahren. Viele sitzen bereits in den Bussen, als ein Auto vorfährt und nach Augenzeugenberichten einen der Busse rammt, wobei die Bombe detoniert sei. Nach anderen Aussagen wurde das Auto in unmittelbarer Nähe der Busse geparkt. „Der Fahrer war in Eile und ist schnell ausgestiegen, kurz darauf ereignete sich die Explosion“, sagt Prince Igwe, der den Anschlag in einem der betroffenen Busse überlebt, der Zeitung „Vanguard“. Nur mit Mühe habe er sich aus den Trümmern des Fahrzeugs befreien können. „Viele Menschen sind gestorben.“

Wieviele Tote es genau sind, ist lange nicht klar. Ein Sprecher der örtlichen Notfallagentur bezifferte die Zahl am Nachmittag auf 71. Die meisten wurden bis zur Unkenntlichkeit in Stücke gerissen. Weitere 124 Menschen seien teilweise schwer verletzt worden. „Dies ist die wohl tödlichste Attacke, die Abuja je erlebt hat“, erklärte ein Reporter des britischen Senders BBC vor Ort.

Ob es sich um eine oder mehrere Bomben gehandelt hat, ist zunächst ebenfalls unklar. „Ich glaube, dass irgendjemand auch Sprengstoff in einem der Busse versteckt hat“, sagt eine Augenzeugin dem Sender. „Ich habe so etwas noch nie in meinem Leben gesehen, es war furchtbar.“

Die Regierung reagiert prompt und setzt die Sicherheitsstufe in der gesamten Hauptstadt auf „Rot“. „Wir überwachen vor allem andere Busbahnhöfe, und wir raten der Bevölkerung, größere Menschenansammlungen zu meiden. Auch die Sicherung der Regierungsgebäude wurde erhöht“, erklärt Polizeisprecher Frank Mba. Aber all dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Präsident Goodluck Jonathan und seine Mitstreiter zunehmend hilflos im Kampf gegen den Terror wirken.

Bereits vor knapp einem Jahr hatte Jonathan nach einer Anschlagserie den Ausnahmezustand über die nördlichen Bundesstaaten Borno, Yobe und Adamawa verhängt. Tausende Militärs mit Sonderbefugnissen wurden entsandt, und schon bald teilte die Regierung voller Optimismus mit, fast alle Islamistencamps seien unter Kontrolle gebracht worden. Zudem gab es immer wieder neue Festnahmen mutmaßlicher Extremisten.

Die Maßnahmen haben der Boko Haram aber keineswegs den Garaus gemacht. Sie scheinen sie vielmehr beflügelt zu haben, die Zahl ihrer Angriffe noch zu erhöhen. Dabei hat die Gruppe wohl auch ihre Taktik geändert: Waren lange vor allem Kirchen und Christen sowie Polizeieinrichtungen das Ziel, werden nun wahllos alle Bevölkerungsgruppen attackiert. Denn die Bürger stehen hinter ihrem Präsidenten, wenn es darum geht, radikale, brutale Islamisten zu vertreiben. Und dafür sollen sie nun offenbar büßen.

Boko-Haram-Mitglieder sind in den vergangenen Monaten zunehmend in Dörfer eingefallen, wo sie alles und jeden wahllos niedergemetzelt haben. Sie schleuderten Granaten auf Märkte, stürmten Schulen, wo sie ihren jugendlichen Opfern die Kehlen durchschnitten oder rissen Fußballfans mit Bomben in die Luft.

Bereits im März 2013 ließen sie auf einem Busbahnhof in der nördlichen Stadt Kano Bomben explodieren. 110 Menschen verloren dabei ihr Leben. Alles deutet darauf hin, dass die Islamisten auch für die sehr ähnliche Attacke vom Montag verantwortlich sind. Die Regierung wirkt machtlos - zu viele Zellen, zu viele Unterstützer hat die Boko Haram. Wenn den Machthabern in Abuja nicht bald ein Rezept einfällt, könnten sie den Kampf gegen die Sekte verlieren.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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