Äußerungen zu Zypern-Blaupause: Euro-Retter lassen Euro-Gruppen-Chef auflaufen

Äußerungen zu Zypern-Blaupause
Euro-Retter lassen Euro-Gruppen-Chef auflaufen

In der Zypern-Debatte gerät der Euro-Gruppen-Chef zunehmend unter Druck. EZB und EU-Kommission distanzierten sich von Äußerungen Dijsselbloems zum Modell-Charakter der Insel-Rettung. Und auch Berlin reagierte irritiert.
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BerlinDie Europäische Zentralbank (EZB) und die EU-Kommission haben Äußerungen von Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem kritisiert, wonach die Maßnahmen zur Zypern-Rettung als Vorbild bei anderen Euro-Krisenstaaten dienen könnten. "Es war falsch von Herrn Dijsselbloem zu sagen, was er gesagt hat", sagte das französische EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré am Dienstag im Sender Europe 1. "Die Erfahrung mit Zypern ist kein Vorbild für den Rest der Eurozone, weil die Situation ein Ausmaß erreicht hatte, das mit keinem anderen Land vergleichbar ist."

Auch die EU-Kommission sieht die Rettung Zyperns unter Einbeziehung von Großsparern und Gläubigern nicht als Modell für die Zukunft. „Der Fall Zypern ist einzigartig, und zwar aus vielerlei Gründen“, sagte die Sprecherin von EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier. „Das heißt nicht, dass es ein perfektes Modell ist, das man so, wie es ist, in Zukunft wieder nutzen sollte.“

Dijsselbloem hatte am Montag nach der Einigung auf das Rettungspaket für Zypern, das eine massive Beteiligung von Anlegern und die Abwicklung einer Bank vorsieht, angedeutet, der Plan könne künftig bei der Rettung anderer Euro-Krisenstaaten als Vorbild dienen. "Das Risiko vom Finanzsektor zu nehmen und es der Öffentlichkeit aufzubürden, ist nicht der richtige Ansatz", sagte der niederländische Finanzminister der "Financial Times". Wenn Banken Risiken eingingen, mit denen sie nicht umgehen könnten, könne die Konsequenz daraus lauten: "Das ist das Ende der Geschichte". Die Börsen hatten mit starken Kursverlusten reagiert, auch der Wert des Euro sank.

Am Montagabend distanzierte Dijsselbloem sich in einer kurzen Erklärung von seinen Interview-Äußerungen. "Zypern ist ein besonderer Fall mit einmaligen Herausforderungen", erklärte der Euro-Gruppen-Chef. Wirtschaftliche Anpassungsprogramme seien auf die Situation eines Landes "maßgeschneidert", es würden keine "Modelle oder Schablonen" verwendet.

Finanzpolitiker in Berlin griffen Dijsselbloem wegen dessen Zypern-Äußerungen frontal an. „Zypern ist und bleibt ein Sonderfall, der die Eurogruppe, ihren Chef und vor allem die zypriotischen Bürgerinnen und Bürger vor besondere Herausforderungen gestellt hat und auch weiterhin stellen wird“, sagte der finanzpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Klaus-Peter Flosbach (CDU), Handelsblatt Online. „Wir sollten uns jetzt darauf konzentrieren, Zypern bei den anstehenden Reformen zu unterstützen, statt mit markigen Worten die Märkte zu verunsichern.“

Der Vorsitzende der FDP im Europaparlament, Alexander Graf Lambsdorff, stellt die Eignung Dijsselbloems für den Euro-Spitzenposten infrage. Der Chef der Eurogruppe habe nicht verstanden, wie sensibel die Materie sei, mit der er umgehe. „Es zeigt sich aber auch, dass die Mitgliedstaaten bei der Besetzung solcher Posten künftig auf Kompetenz statt auf Proporz achten müssen“, sagte Lambsdorff Handelsblatt Online. „Deutschland bestand auf einem Finanzminister aus einem AAA-Land, was richtig und nachvollziehbar ist, Frankreich aber wollte unbedingt einen Sozialdemokraten und auf keinen Fall Wolfgang Schäuble.“ Das Ergebnis sei „der überforderte Herr Dijsselbloem“.

Die Aussage, dass Bankkunden in anderen Krisenländern wie in Zypern um ihre Einlagen fürchten müssen, sei ein „weiterer schwerer Fehler“ des Eurogruppenchefs gewesen. „Gott sei Dank ist ihm die EZB sofort in die Parade gefahren“, sagte Lambsdorff.

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  • Kognitive Dissonanz!

    Man hat das Gefühl, 90% der Kommentatoren hier haben immer noch nicht verstanden, was eine Bank ist. Das zunehmend irrationale Geheul zeugt von der langsam entstehenden kognitiven Dissonanz.

    Eine Bank ist kein Tresor und selbst der ist nicht sicher. Aber man kann sich versichern; das ist jedoch nicht kostenlos. Es ist immer schmerzhaft, wenn fast schon wahnhafte Illusionen platzen und Erkenntnis einsetzt.

    Die Qualität der Diskussionen zum Thema EURO nimmt in den letzten Monaten in diesem Zeitungsforum zusehends ab. Vielfach nur noch Claqueur e und Hofschranzen vermeintlicher EURO-Experten.

  • @conforma

    Nicht ganz treffend!

    Richtig hätte es heißen müssen:

    Nach der Landwirtschaft machen jetzt auch die Lobbyisten der Banken ihren Anteil am "Kuchen" geltend. ...

    Es ist ja schon bezeichnend, dass man dem jungen, unerfahrenen EU-Gruppenchef nicht die Feststellung an sich sondern seine öffentliche Aussage ankreidet. Das hat schon einen vielsagenden Geschmack.

  • "Endlich muss sich jeder Investor und auch Sparer überlegen, ob er sein Geld richtig anlegt. "

    Das mußte man schon immer. Aber soziale Ruhekissen gelten nicht nur bei Politikern als gutes Werbeargument.

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