Afghanistan am Scheideweg
Taliban verbreiten wieder Angst und Schrecken

Wie Verzweiflungstaten versprengter Extremisten wirken die Angriffe wahrlich nicht mehr. Mit hunderten Kämpfern, ausgerüstet mit Raketen, Granaten und automatischen Waffen, greifen mutmaßliche Taliban seit Tagen afghanische Sicherheitskräfte an - nur mit Hilfe von US-Kampfjets können die Rebellen überhaupt noch bezwungen werden.

HB/dpa KABUL/NEU DELHI. Während die Weltöffentlichkeit gebannt auf den Irak blickt, erlebt Afghanistan die schlimmste Welle der Gewalt seit dem Sturz des radikalislamischen Taliban-Regimes Ende 2001. Dass sich die Kämpfer der Taliban und des Terrornetzwerks El Kaida knapp zwei Jahre nach den Anschlägen vom 11. September neu formiert haben, daran besteht in Afghanistan kaum noch ein Zweifel.

In den vergangenen zwei Wochen wurden mindestens 150 Menschen bei den Kämpfen vor allem im Süden und Osten Afghanistans getötet. Kaum mehr ein Tag vergeht, ohne dass US-geführte Koalitionstruppen, afghanische Sicherheitskräfte, Hilfsorganisationen oder Zivilisten angegriffen werden. Über Stunden besetzen mutmaßliche Taliban Grenzposten und Polizeistationen, aus dem Hinterhalt erschießen sie Soldaten und hochrangige Polizeioffiziere. Die Rebellen greifen Armeestützpunkte mit Raketen an, sprengen Busse voller Zivilisten in die Luft oder eröffnen das Feuer auf Fahrzeuge von Minenräumern.

Immer lauter werden die Warnungen, dass das Land am Hindukusch auf dem Weg zu echtem Frieden und Demokratie bitterlich scheitern könnte. Das wäre auch eine dramatische Niederlage des Westens - allen voran der USA in ihrem Kampf gegen den Terror, aber auch Deutschlands, das sich wie kaum ein anderer Staat für Frieden und Sicherheit am Hindukusch engagiert.

Es mache keinen Sinn, nur in der Hauptstadt Kabul und deren Umgebung relative Stabilität zu haben, „wenn in den übrigen Regionen des Landes andere, vor allem terroristische Gruppen, Taliban- Anhänger, weiter die Macht ausüben“, hatte Bundesverteidigungsminister Peter Struck kürzlich gesagt. Am Dienstag meinte er bei einem Truppenbesuch in Warnemünde, es sei unrealistisch, dass das jetzt aus Afghanistan zurückgekehrt deutsche Erkundungsteam von einer Präsenz in Kundus abraten werde. Der neue Kommandeur der Internationalen Schutztruppe in Afghanistan (ISAF), der deutsche NATO-General Götz Gliemeroth, warnt vor einem „Kabulistan“ - einem Streifen Land um die Hauptstadt herum, in der Sicherheit herrscht, während der Rest des Landes in Gewalt versinkt.

Wie „Kabulistan“ möglicherweise zu verhindern wäre, glauben eigentlich alle zu wissen: Indem man den Auftrag der Schutztruppe, in Kabul und Umgebung für Sicherheit zu sorgen, auf das ganze Land ausdehnen würde. Nach früheren ISAF-Schätzungen wären dafür zu den derzeit rund 5500 Soldaten etwa 10 000 weitere nötig. Doch diese Truppen will niemand zur Verfügung stellen.

Stattdessen wird nun eine Art Minimallösung probiert, die nicht so teuer ist und an der sich auch Deutschland beteiligen will: Mit kleinen Wiederaufbauteams aus Soldaten und Aufbauhelfern soll Sicherheit in die Provinzen getragen werden. Dass ihre jüngsten Ziele im Verantwortungsbereich eines US-Wiederaufbauteams liegen, hat zumindest die Taliban nicht von Angriffen abgeschreckt.

Ob es gelingt, die Sicherheit in die Provinzen zu bringen, wird sich schon bald zeigen. Im Juni kommenden Jahres steht mit den für dann geplanten ersten freien Wahlen Afghanistans ein Meilenstein im Friedensprozess an. Sollten die Wahlen aber nicht pünktlich stattfinden, droht ein Machtvakuum - und damit eine Katastrophe. Denn Präsident Hamid Karsai und sein Kabinett sind nur eine Übergangsregierung, der im Juni 2002 von der Loja Dschirga, der großen Ratsversammlung, ein Mandat für zwei Jahre erteilt wurde. Sollten die Wahlen aus Sicherheitsgründen auf die lange Bank geschoben werden und die Regierung keine Handlungsbefugnis mehr haben, sieht ISAF-General Gliemeroth schwarz: „Ich wage mir nicht auszumalen, welchen Weg das nehmen würde“, sagt er.

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