Afghanistan
Aufmarsch der Gotteskrieger

Nach der Tötung der zweiten südkoreanischen Geisel und der Bekanntgabe eines neuen Ultimatums spitzt sich die Lage am Hindukusch dramatisch zu. Mit den zahlreichen Entführungen der jüngsten Zeit demonstrieren die Taliban ihre neue Stärke – und das in aller Öffentlichkeit.

WASHINGTON / BERLIN. Das Drama um die südkoreanischen und deutschen Geiseln ist nicht die erste Krise für die Regierung von Präsident Hamid Karsai. Doch noch nie war der Machtanspruch der afghanischen Führung in Kabul so sehr herausgefordert wie jetzt. Nach der Ermordung der zweiten südkoreanischen Geisel durch die Taliban demonstrierte Karsai am gestrigen Dienstag Härte. Der Präsident werde die Forderungen der Kidnapper nicht erfüllen, kündigte sein Sprecher Humajun Hamidsada am Dienstag an. Nachgiebigkeit würde die Geiselnehmer nur ermutigen.

Die Leiche des 29-jährigen koreanischen Computerexperten Shim Sung Min war nahe dem Dorf Arsu gefunden worden. Die radikal-islamischen Taliban bekräftigten ihre Forderung nach Freilassung inhaftierter Gesinnungsgenossen und setzten dafür eine neue Frist bis zum heutigen Mittwoch früh europäischer Zeit. Der vor knapp zwei Wochen verschleppte deutsche Bauingenieur ist nach Erkenntnissen der Regierung in Kabul dagegen am Leben und gesund. Der Sprecher des Innenministeriums, Semarai Baschari, sagte am Dienstag: „Wir haben weiterhin Hoffnung, dass er freigelassen wird.“

Trotz aller Bemühungen – Karsais Versuch, Handlungsfähigkeit zu beweisen, droht auch diesmal ins Leere zu laufen. Eingeklemmt zwischen amerikanischen Forderungen nach Härte, koreanischem Drängen auf eine friedliche Lösung und Rücksichtnahmen auf die verschiedensten Gruppen im eigenen Land verfügt er praktisch über keine Optionen. Karsai kann nur zusehen, wie seine Macht verfällt. Dabei kam das Dilemma, in dem sich die Regierung in Kabul befindet, nicht plötzlich. Es hat sich vielmehr Zug um Zug aufgebaut – und hätte gestoppt werden können. „Es gibt große Teile im Land, die noch nie eine Friedensdividende gesehen haben“, sagt Samina Ahmed, Leiterin des Büros der International Crisis Group (ICG) in Islamabad. Eine Dividende, die wenigstens Sicherheit und Stabilität hätte produzieren müssen. „Doch im Paschtunen-Gürtel hat Kabul versagt“, sagte Ahmed dem Handelsblatt. Die Regionalexpertin hatte im Juni Kabul besucht und war „entsetzt über die Frustration dort“.

Was gemeinhin als Taliban bezeichnet wird, ist inzwischen ein Sammelbegriff für viele Unzufriedene – die im Moment vor allem die Gegnerschaft zu Kabul, den Amerikanern und der Nato eint. Es gibt darunter die orthodoxen Taliban und islamische Fundamentalisten. Ihr Kern besteht nur aus einigen Tausend Mann, fast ausschließlich Paschtunen. Darum gruppieren sich lose, nichtideologische Gruppen, die zeitweise mit den Taliban zusammenarbeiten, darunter Drogenhändler und Warlords. Denn die beste Geschäftsbasis für Drogenhändler ist politische Unsicherheit, und aus ihrem Kalkül sorgen die Taliban genau dafür. Für die Warlords hingegen stellt eine Stärkung der Regierung in Kabul eine Begrenzung ihrer Macht dar – weshalb auch sie an einer Destabilisierung der Regierung interessiert sind. „Wir haben es hier mit einem komplexen Geflecht zu tun“, sagt Ahmed.

Seite 1:

Aufmarsch der Gotteskrieger

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%