Afghanistan: Bundeswehr-Einsatzort wird Hauptkrisengebiet

Afghanistan
Bundeswehr-Einsatzort wird Hauptkrisengebiet

Kundus, Kundus und immer wieder Kundus, so lautet die Einschätzung von Militärs, afghanischen Geheimdienstlern und Polizisten, wenn man sie nach gefährlichen Krisenregionen in Afghanistan fragt. Tatsächlich finden Anschläge der Taliban fast täglich im Norden statt, finden aber nicht den Weg in die westlichen Medien, da keine Europäer oder Amerikaner dabei getötet werden.
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MAZAR-E-SHARIF. Der Anruf kam am frühen morgen: "Meldet, dass wir einen Raketenangriff auf Präsident Hamid Karzai starten oder wir bringen Euch alle um!" Tatsächlich haben die eingeschüchterten afghanische Journalisten früh am vorgestrigen Sonntag einen bevorstehenden Rakentenangriff auf den afghanischen Präsidenten gemeldet. Die Quelle hatte recht: Vier Raketen schlugen bei Kundus ein, allerdigs weit entfernt vom Flughafen und dem deutschen Lager. Es war kein Wunder, dass die Angaben zutrafen, waren es doch die Taliban selber, die die Journalisten alarmiert hatten. Kurz vor dem "Geheim"treffen des afghanischen Präsidenten mit dem ISAF-Kommandeur General McChrystal schlugen die Taliban zu. Der Präsident und McChrystal wurden nicht behelligt. Dafür aber drei afghanische Polizisten. Nach Angaben afghanischer Ermittler und der Überprüfung deutscher Stellen steht der Angriff der Taliban tatsächlich in einem eindeutigen Zusammenhang mit dem Treffen Karzai-McChrystal. Karzai und McChrystal sagten wegen des Beschusses ein Treffen mit 300 deutschen Soldaten im Lager Kundus ab.

Nicht nur die afghanischen Jornalisten, auch die Deutschen im Norden Afghanistans waren vorab von dem Treffen in Kunduz informiert worden. Am Nachmittag zuvor setzte sich bereits ein deutscher Unterstützungstrupp mit gepanzerten Fahrzeugen aus einem rund 300 Kilometer entfernten Camp zur logistischen Unterstützung in Gang: Transportpanzer, Dingos und Aufklärungsjeeps machten sich auf den Weg durch die Nacht. Die Lage des Camps ist bekannt, indes wird es von den Deutschen zumindest nicht genannt, um solche Routen "durchs Indianerland" nach Kundus , wie es hier heißt, für Aufständische nicht erkennbar zu machen.

Die strengen Sicherheitsvorkehrungen am Samstag und am Sonntag galten nicht nur Karzai und dem US-General. Hohe Würdenträgern aus der Region waren auch ins deutsche Camp geladen. Und vielleicht ahnten die Taliban und die Würdenträger sogar, was eines der Gesprächstehmen sein wollte: Trotz seiner verwirrenden Rede auf die "Fremden" und "Endringlinge" im Land versicherte Karzai General McChrystal, dass er aufrichtig willens sei, Kämpfer und Kommandeure der Taliban wieder in die afghanische Gesellschaft integrieren zu wollen, wenn diese ihre Waffen niederlegen und dem bewaffneten Kampf abschwören würden.

Doch der Besuch hat weit mehr als demonstrativen, symbolischen Charakter. Die US-Armee ist soeben in einem rapiden Aufmarsch im Norden engagiert. 6000 bis 6 500 GIs sollen bereits im Frühsommer im Camp Mazar-e Sharif versammelt sein. Zur Zeit befinden sich rund 1 500 US-Soldaten in dem Camp, das sie sich mit Deutschen, Norwegern und anderen Nato-Partnern teilen sollen. Täglich landen gigantische, schwarze Hercules-Maschinen auf der kurzen Landebahn an den Ausläufern des Pamir-Gebirges. Nach Angaben von Sicherheitsexperten sollen bis zum Frühsommer 50 bis 72 Blackhawk-Hubschrauber versammelt sein. In diesen Tagen startet und landet das erste halbe Dutzend von den frühen Morgen- bis in die späten Abendstunden.

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