Afghanistan
„Das ist eine Art Psychokrieg"

Das Videos, welches den entführten deutschen Bauingenieur zeigt, wurde laut Experten vermutlich gezielt verzögert ausgestrahlt und vielleicht bereits vor Tagen gedreht. Das deutsche Außenministerium nannte das Entführungsvideo ein „lanciertes Dokument der Einschüchterung“.

HB BERLIN. Die Entführer des deutschen Bauingenieurs in Afghanistan haben das offenbar vor Tagen gedrehte Video ihrer Geisel nach Einschätzung des Terrorismusexperten Rolf Tophoven gezielt erst jetzt veröffentlicht. Auslöser sei vermutlich die Ankündigung des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai, im Umgang mit den Entführern hart zu bleiben, sagte Tophoven am Mittwoch der Nachrichtenagentur AP. Auch SPD-Fraktionschef Peter Struck sprach sich dafür aus, den Geiselnehmern nicht nachzugeben.

„Es kann gut sein, dass das Video vorab gedreht wurde, um es zur Stunde X zu veröffentlichen“, sagte Tophoven. „Das Timing ist entscheidend, wenn eine solche Aufnahme an die Öffentlichkeit kommt.“ Mittlerweile würden viele Geiselnehmer von Medienprofis beraten, um die Wirkung solcher Videos gezielt einzusetzen und zu optimieren. „Das ist eine Art Psychokrieg, ein Nervenspiel.“

Dass sich die Gefahr für die Geisel mit der Veröffentlichung der Aufnahme deutlich erhöht hat, glaubt Tophoven nach eigenen Angaben jedoch eher nicht. Aus Sicht der Entführer sei es kontraproduktiv, die Geisel ausgerechnet kurz vor oder nach der Veröffentlichung zu ermorden. „Es ist eindeutig, dass man jetzt hier den Druck massiv erhöhen will“, erklärte er.

Das Video, das den in Afghanistan verschleppten Deutschen zeigt, ist nach einem Bericht von „Spiegel Online“ mehrere Tage alt. Die vom arabischen Sender Al Dschasira ausgestrahlten Bilder stammten von einem Memory Stick, dessen Daten zuletzt am 28. Juli verändert worden seien, berichtete das Internet-Magazin unter Berufung auf erste Untersuchungen des Krisenstabs im Auswärtigen Amt.

Die Experten hätten auch eine Fleece-Jacke auf dem Video erkannt, die die deutsche Botschaft in Kabul Ende vergangener Woche über Vermittler in die Berge geschickt habe. Die Bundesregierung gehe trotz der in dem Video vorgetragenen politischen Forderungen wie Abzug der Bundeswehr und Freilassung von zwölf Taliban-Kämpfern davon aus, dass der Ingenieur in der Hand einer kriminellen Bande sei, berichtete „Spiegel Online“.

Der Sprecher des Auswärtigen Amts, Martin Jäger, bezeichnete das Video am Dienstagabend als „ein gezielt lanciertes Dokument der Einschüchterung“. Die Experten des Krisenstabes seien dabei, die Videobotschaft sorgfältig zu analysieren und auszuwerten. Der Krisenstab bemühe sich weiterhin intensiv um eine Freilassung des Mannes.

Struck: Nachgiebigkeit macht erpressbar

Die Bundesregierung versuche weiterhin, durch Verhandlungen eine gute Lösung zu erreichen, betonte Struck im ZDF-Morgenmagazin. Wenn man aber Forderungen etwa nach Freilassung von Taliban-Kämpfern nachkäme, gäbe es sofort weitere Nachahmungstaten. „Wenn man Entführern nachgibt, macht man sich erpressbar.“ Struck zeigte sich zuversichtlich, dass es für den entführten Deutschen Chancen gebe. Die Lage in Afghanistan sei schwierig und nicht ungefährlich, auch für Hilfsorganisationen, fügte er hinzu.

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