Afghanistan
Dutzende Tote durch Nato-Luftangriff

Bei dem Nato-Luftangriff auf zwei Tanklastzüge im Norden Afghanistans sind Dutzende Menschen ums Leben gekommen. An der Darstellung des Bundesverteidigungsministeriums, bei dem von einem deutschen Offzier befohlenen Angriff seien keine Zivilisten getötet worden, kamen inzwischen Zweifel auf.

HB KUNDUS/BERLIN. Durch einen von der Bundeswehr befohlenen Luftangriff auf zwei von den Taliban gekaperte Tanklaster sind in Nordafghanistan Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Eine Eskalation dieses Ausmaßes hat es in dem Verantwortungsbereich der Deutschen in Afghanistan laut Bundesverteidigungsministerium noch nicht gegeben.

An der Darstellung des Bundesverteidigungsministeriums, es seien keine Zivilisten ums Leben gekommen, kamen inzwischen Zweifel auf. Einem Zeitungsbericht zufolge, wird die Bundeswehr von der Nato gedrängt, ihre Informationspolitik diesbezüglich zu ändern. Einzelheiten darüber, ob und wie viele Zivilisten bei dem Bombardement der Tanklaster in der Nacht zum Freitag in der Provinz Kundus starben, waren aber weiter unklar.

Das Verteidigungsministerium in Berlin sprach von mehr als 50 getöteten Aufständischen und erklärte: „Unbeteiligte sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht zu Schaden gekommen.“ Der afghanische Präsident Hamid Karsai ließ in Kabul mitteilen, es seien „rund 90 Menschen getötet oder verletzt“ worden. Er äußerte sein „tiefes Bedauern“ und erklärte: „Unschuldige Zivilisten sollten bei Militäroperationen nicht getötet oder verwundet werden.“

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) verteidigte in einem Interview mit den „Badischen Neuesten Nachrichten“ das Vorgehen der Bundeswehr im Kampf gegen die Taliban. „Gerade im Raum Kundus herrscht eine besonders kritische Situation.“ Bei den Taliban habe man es mit einem brutalen, aber leider auch mit einem intelligenten Gegner zu tun.

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen kündigte eine Untersuchung an. Ein Team von Ermittlern unter der Leitung eines Admirals der Nato-geführten Schutztruppe ISAF sei bereits an den Ort des Geschehens geschickt worden. „Das afghanische Volk muss wissen, dass uns alles daran liegt, es zu schützen, und dass wir diesen Vorfall umfassend und umgehend untersuchen werden“, sagte Rasmussen in Brüssel. „Es ist möglich, dass es auch zivile Opfer gab, aber das ist noch nicht klar.“

Nach Angaben der Bundeswehr hatten Taliban-Kämpfer in der Nähe von Kundus einen Kontrollposten errichtet und dort gegen 01.50 Uhr Ortszeit zwei beladene Tanklastzüge in ihre Gewalt gebracht. Die Taliban hätten den Treibstoff in den Unruhedistrikt Char Darah bringen und selbst nutzen wollen. Bei der Durchquerung des Flusses Kundus sechs Kilometer vom deutschen Wiederaufbauteam entfernt seien sie mit den Fahrzeugen in einer Sandbank steckengeblieben. Von der Bundeswehr angeforderte Nato-Flugzeuge hätten sie dann um 02.30 Uhr bombardiert.

Der Angehörige eines Opfers aus dem betroffenen Dorf Hadschi Amanullah sagte der Nachrichtenagentur dpa: „In der Gegend waren auch Taliban, aber mehr Opfer gibt es unter Zivilisten.“ Der Mann namens Nadschibullah berichtete, auch sein Cousin sei tot. Insgesamt seien „mehr als 150 Menschen getötet oder verletzt“ worden.

Die Bewohner seien aus ihren Häusern gekommen, als sie den Lärm der Tanklastwagen hörten, und nicht, um sich Benzin zu holen. Der Polizeichef von Kundus, Abdul Rasak Jakubi, sagte, eine „Anzahl Zivilisten“ sei getötet worden. Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid nannte die Zahl 150.

Der Gouverneur der Provinz Kundus, Mohammed Omar, sagte: „Das Problem ist, dass all diese Menschen rund um die Tanklastwagen schwer verbrannt wurden und es unmöglich ist, sie zu identifizieren.“ Unter den Toten seien vier oder fünf Anführer der Taliban gewesen. Der Treibstoff sei für die Bundeswehr gewesen.

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