Afghanistan
Hamid Karsai: Taktierer der Macht

Afghanistan wählt am Donnerstag einen neuen Präsidenten. Auch wenn der bisherige Amtsinhaber Hamid Karsai durch Korruption und Misswirtschaft in Verruf geraten ist: Der einst als "Bürgermeister von Kabul" verspottete Präsident hat sein Netz der Macht gut geknüpft - und beste Chancen wiedergewählt zu werden.

WASHINGTON. Als Kandidat für das Präsidentenamt Afghanistans ist Ashraf Ghani weitgehend chancenlos, aber als Ökonom trifft seine Kritik den Nerv. Diese Wahlen seien die Gelegenheit, ein "räuberisches Regime auszuwechseln" - ein Regime, das Wohlstand nur für ein "paar korrupte Kumpane" schaffe". Ghani, ehemaliger Finanzminister Afghanistans und langjähriger Mitarbeiter der Weltbank, meint damit seinen ehemaligen Chef, Präsident Hamid Karsai. Werde Karsai jetzt wiedergewählt, dann setze sich das Elend fort, glaubt Ghani. "Karzai Incorporated" nennt er dessen Machtsystem nur noch verächtlich auf seiner Website.

15 Millionen Afghanen sind morgen aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Der Urnengang findet unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen statt. 200 000 afghanische und 100 000 internationale Sicherheitskräfte sollen 7 000 Wahllokale absichern. Die Taliban, die 2001 von einer internationalen Koalition unter Führung der USA von der Macht vertrieben worden waren, versuchen mit Terror, die Bevölkerung von der Wahl fernzuhalten. Karsai ist zwar haushoher Favorit. Umfragen zufolge dürfte ihm aber eine Stichwahl - aller Voraussicht nach gegen Ex-Außenminister Abdullah Abdullah - nicht erspart bleiben.

Trotz aller Siegesgewissheit, die Kritik Ghanis ist schwer verdaulich für Karsai - einen Mann, der sich eigentlich als Vater Afghanistans sieht und stolz darauf ist, seit 2001 das Land einigermaßen in der Balance gehalten zu haben. Eine Balance, die er sich mit zahlreichen Kompromissen und Wohltaten für Rivalen erkauft hat. Anfangs verspottet als "Bürgermeister von Kabul", habe er die Macht konsolidiert, sagt Karsai in Interviews.

Und genau das tat er nun auch wieder vor den Wahlen: Er nahm den verhassten tadschikischen Warlord und ehemaligen Verteidigungsminister Mohammed Fahim in seine Mannschaft und ließ diese Woche den berüchtigten Usbekenführer Abdul Raschid Dostum aus dem türkischen Exil wieder ins Land einreisen. Im Gegenzug sollen beide ihre Gaben abliefern: Möglichst viele Stimmen der tadschikischen und usbekischen Afghanen. "Big Tent" nennt Karsai das; anderen wie Ghani fallen dabei die Stichworte Vetternwirtschaft und Korruption ein.

Was für den im westlichen Denken geübten Ghani unerträglich ist, ist für Karsai elementarer Bestandteil des Regierens: Loyalitäten und Abhängigkeiten schaffen, eine Politik des Gebens und Nehmens und immer wieder auch: des Vergebens und Vergessens. In einem Profil über Karsai in der "New York Times" wurde dieses Konzept als Regierungsstil eines Stammesfürsten beschrieben. So sei dies im Stamm der Popalzai, dem die Familie Karsai angehört, immer gewesen, und so führe der 51-Jährige eben auch die politischen Geschäfte des Landes.

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