Afghanistan
Karsai-Herausforderer vor Rückzug

In Afghanistan droht eine Stichwahl mit nur einem Kandidaten. Karsai-Herausforderer Abdullah Abdullah wird voraussichtlich am kommenden Wochenende gar nicht erst antreten. Hintergrund ist der anhaltende Disput mit Amtsinhaber Karsai um den Vorwurf der Wahlmanipulation.
  • 0

HB KABUL. Der Herausforderer des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai wird sich einem Bericht zufolge voraussichtlich aus der Stichwahl am kommenden Wochenende zurückziehen. Die Gespräche zwischen Ex-Außenminister Abdullah Abdullah und Karsai seien gescheitert, zitierte der US-Fernsehsender CNN am Freitag einen westlichen Informanten aus dem Umfeld der afghanischen Führung. Das Wahlkampfteam des ehemaligen Außenministers kündigte am Samstag an, Abdullah werde am Sonntag bekanntgeben, ob er an der zweiten Wahlrunde am 7. November teilnehmen werde. Zuvor hatte er eine Reise nach Indien abgesagt. Beobachter und westliche Diplomaten gehen überwiegend davon aus, dass Amtsinhaber Karsai die Stichwahl gewinnt.

Auf einen Rückzug Abdullahs deute auch die Tatsache hin, dass dieser bislang keinen Wahlkampf gemacht habe, sagte ein westlicher Diplomat der Nachrichtenagentur Reuters. "Alle schauen auf die zwei Lager und hoffen, dass sie zu irgendeinem Übereinkommen bereit sind, mit dem eine Stichwahl vermieden werden kann." Die Spekulationen über eine Einigung auf eine Machtteilung haben zuletzt zugenommen. Die US-Botschaft in Kabul erklärte, Karsai und Abdullah müssten selbst entscheiden, ob sie eine Lösung finden könnten, die verfassungsgemäß sei und auch vom afghanischen Volk akzeptiert werde.

Abdullah hatte Karsai in der vergangenen Woche aufgefordert, bis Samstag den Wahlleiter zu entlassen, um eine erneute Manipulation der Abstimmung zu verhindern. Karsai lehnte dies jedoch ab. Beim ersten Wahlgang im August war es einem UN-Bericht zufolge zu erheblichen Unregelmäßigkeiten gekommen, überwiegend zugunsten Karsais.

Diplomaten und Beobachtern zufolge könnte eine Stichwahl nach der Verfassung auch mit Karsai als einzigem Kandidaten stattfinden. Dies würde der Regierung jedoch schaden. "Wenn Abdullah (die Stichwahl) boykottiert, wird die Wahlbeteiligung sehr niedrig sein und Karsai zwar zum Sieger erklärt werden, aber mit einer sehr geringen Legitimität", sagte Harun Mir, Direktor des afghanischen Zentrums für Forschung und politische Studien in Kabul.

Die Lage in Afghanistan ist nach der von Betrugsvorwürfen überschatteten ersten Wahlrunde sehr angespannt. Ein erfolgreicher Abschluss der Präsidentenwahl gilt als entscheidend für die Bemühungen des Westens, das Land zu stabilisieren. Die radikal-islamischen Taliban haben zum Boykott der Stichwahl aufgerufen und weitere Gewalt angedroht.

Kommentare zu " Afghanistan: Karsai-Herausforderer vor Rückzug"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%