Afghanistan
Schwere Ausschreitungen nach Koran-Verbrennung

Wütende Demonstranten greifen Soldaten an, die Isaf-Truppe antwortet mit Gummigeschossen: Verbrannte Ausgaben des Korans im Mülleimer eines US-Stützpunktes haben in Afghanistan zu gewalttätigen Protesten geführt.
  • 6

KabulNach der Verbrennung von Koran-Ausgaben auf dem US-Stützpunkt Bagram ist es am Mittwoch in der afghanischen Hauptstadt Kabul zu schweren Ausschreitungen gekommen. Wütende Demonstranten setzten nach Angaben der Polizei Fahrzeuge in Brand und griffen Geschäfte an. Hunderte Afghanen lieferten sich Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften. Bei Schüssen auf die Demonstranten wurden mindestens drei Menschen verletzt.

Auch in der ostafghanischen Stadt Dschalalabad gab es Proteste gegen die Verbrennung von Koran-Ausgaben. Rund tausend Studenten blockierten dort eine Hauptstraße. Bereits am Dienstag hatten tausende Afghanen den Stützpunkt Bagram attackiert, nachdem bekanntgeworden war, dass dort US-Soldaten Ausgaben des Koran verbrannt hatten. Auch in Kabul hatte es eine Demonstration gegeben.

Der Oberkommandeur der Nato-geführten Afghanistantruppe Isaf, General John Allen, hatte sich am Dienstag für den „unangemessenen“ Umgang mit islamischem religiösen Material, darunter Koran-Ausgaben, entschuldigt, ohne genauere Angaben zu den Vorgängen zu machen. Auch US-Verteidigungsminister Leon Panetta entschuldigte sich für den „höchst bedauerlichen Zwischenfall“.

Am Dienstagabend räumte John Allen dann ein, dass „irrtümlich“ Ausgaben des Koran verbrannt worden waren. Nach Angaben von US-Vertretern hatte der Verdacht bestanden, dass Häftlinge in dem umstrittenen Gefängnis auf dem Stützpunkt sich Nachrichten in die Koran-Ausgaben geschrieben hatten. Die Isaf machte keine Angaben, warum religiöse Schriften wie der Koran auf der Basis lagerten.

Allen kündigte eine umfassende Untersuchung an. Zudem verpflichtete der Isaf-Kommandeur alle Soldaten dazu, spätestens bis zum 3. März an Schulungen zum angemessenen Umgang mit religiösem Material wie dem Koran teilzunehmen. Die Schulung der Soldaten werde die Erkennung, Bedeutung, Lagerung und den korrekten Umgang mit religiösem Material umfassen.

Im vergangenen Frühjahr waren in Afghanistan bei tagelangen Protesten gegen die Koran-Verbrennung eines Predigers in Florida 23 Menschen ums Leben gekommen, darunter sieben ausländische UN- Mitarbeiter. 2005 hatte ein später zurückgezogener Medienbericht über eine angebliche Schändung des Korans im US-Gefangenenlager Guantanamo schwere antiamerikanische Proteste ausgelöst. Bei Unruhen waren damals in Afghanistan und Pakistan insgesamt 17 Menschen gestorben.

Die Isaf teilte in der Nacht zu Mittwoch mit, am Dienstag seien drei ihrer Soldaten bei einem Sprengstoffanschlag in Südafghanistan getötet worden. Nähere Angaben machte die Nato-Schutztruppe wie üblich nicht.

Agentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Afghanistan: Schwere Ausschreitungen nach Koran-Verbrennung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Ich lebe als Atheist zu einem großen Teil der Zeit in einem überwiegend islamischen Land. Ich habe noch nie irgendwelche Probleme gehabt und werde die auch nicht haben.

    Ich habe dieser Tage Sabah und Sarawak bereist. Da leben Christen (die Mehrheit) ganz friedlich mit Chinesen und Moslems zusammen. In Sarawak gibt es 27 Ethnien! Keine Probleme. Hier in Kuala Lumpur gibt es etwa gleich viel christliche Kirchen wie islamische Moscheen.

    Das Problem ist meiner Erfahrung mangelnde Toleranz sowohl bei den Amis 8sind sowieso ungebildet) aber auch bei den gebildeten Europäern. Man brauch sich nur den Innenminister Deutschland anzusehen.

    Wohlgemerkt, ich bin überzeugter Atheist. Vielleicht muss man das sein um das nötige Mass an Toleranz aufzubringen. Und ich bin solange tolerant wie keiner versucht mich zu missionieren, was schon mehrfach in Europa passiert ist. Nicht von Moslems aber von Christen.

  • Unser Ex-Präsident hat den Islam als Bestandteil von Deutschland bezeichnet. Wollen wir wirkliche eine Religion in unsere Mitte haben, die sich aus Hass, Einschüchterung, Intoleranz, Verachtung und Brutalität nährt? Wie würden Muslime reagieren, wenn in christlich geprägten Ländern jagt auf Muslime gemacht werden würde, wenn irgendwo auf der Welt eine Bibel verbrannt, ein geistlicher ermordet oder eine sarkastische Karikatur veröffentlicht wird?

  • Die Isaf Soldaten sollten etwas anderes nehmen als Gummigeschosse.. und wenn Sie dies vorher getan hätten, dann hätte man dort nicht 10 Jahre Krieg für nichts führen müssen!!!!!!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%