Airline-Pleiten EU lässt Flugpassagiere hängen

Wer seinen Flug bei einer Airline bucht, ist bei einer Pleite schutzlos. Das spüren viele Air-Berlin-Kunden. Die Bundesregierung will das ändern, doch in Brüssel liegen Verhandlungen über bessere Fluggastrechte auf Eis.
3 Kommentare
Wer ein Ticket bei Air Berlin gebucht hat, kann nicht sicher sein, dass er damit auch wie geplant fliegen kann. Quelle: Reuters
Flugplan.

Wer ein Ticket bei Air Berlin gebucht hat, kann nicht sicher sein, dass er damit auch wie geplant fliegen kann.

(Foto: Reuters)

BerlinBei der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin könnte am heutigen Donnerstag eine Vorentscheidung über den Verkauf an Investoren fallen. Die drei Gläubigerausschüsse des Dachkonzerns, der deutschen Gesellschaft und der Techniksparte beraten über die vorliegenden Angebote. Am vergangenen Freitag war die Bieterfrist abgelaufen.

Die ungewisse Zukunft der Airline ist eine große Belastung  für viele Mitarbeiter, aber auch für etliche Kunden. Ende 2016 hatte Air Berlin 8.481 Mitarbeiter und meldete insgesamt 28,9 Millionen Passagiere. Kurzfristig bestand im Sommer das Risiko, dass Urlauber an ihren Ferienorten festgesessen hätten, wenn der Flugbetrieb hätte eingestellt werden müssen. Doch die Bundesregierung kam zur Hilfe und gewährte Air Berlin einen Übergangskredit von 150 Millionen Euro. Gut für die Fluggesellschaft und die Urlauber. Doch diverse andere Schwierigkeiten, mit denen sich Fluggäste konfrontiert sehen, sind damit nicht gelöst.

Ein Problem ist, dass bislang Fluglinien nicht verpflichtet sind, den Reisepreis gegen eine mögliche Pleite abzusichern. Wird infolge einer Insolvenz der Flugbetrieb eingestellt, bekommen Passagiere ihr Geld für bereits gebuchte Tickets aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zurück. Viele Air-Berlin-Kunden fragen sich jetzt schon, ob gebuchte Flüge wirklich stattfinden – und was passiert, wenn sie ausfallen sollten. „Wer ein Ticket bei Air Berlin gebucht hat, kann nicht sicher sein, dass er damit auch wie geplant fliegen kann“, sagt der Reiserechtler Paul Degott aus Hannover. Denn ob die Käufer, die die Strecken von Air Berlin übernehmen, auch deren Tickets akzeptieren, sei eher fraglich.

Insolvenzantrag für Niki erschüttert Bieter-Wettstreit

Insolvenzantrag für „Filetstück“ Niki erschüttert Bieter-Wettstreit

Überdies muss man unterscheiden zwischen Tickets, die vor und nach dem Insolvenzantrag am 15. August ausgestellt wurden. Ansprüche aus der Zeit davor sind laut Air Berlin „nicht erstattbar“. Bei Verspätungen oder Streichungen gibt es auch keine Entschädigung. Betroffene Kunden können solche Forderungen im laufenden Insolvenzverfahren anmelden.

Ein höchst unbefriedigender Zustand, befand kürzlich Bundesverbraucherschutzminister Heiko Maas (SPD). Im Handelsblatt plädierte er für eine europaweite Pflicht der Airlines zur Insolvenzabsicherung zum Schutz der Kunden einzuführen. Das Ganze hat jedoch einen Haken. Maas kann alleine in der Frage nicht viel bewegen. Wenn sich etwas ändern soll, müsste die EU-Fluggastrechterichtlinie entsprechend angepasst werden. Doch die Verhandlungen über eine Novellierung liegen quasi auf Eis.

Seit zwei Jahren seien die Verhandlungen im EU-Verkehrsministerrat nicht fortgeführt worden. „Ob und wann die Verhandlungen im Rat fortgesetzt werden, obliegt der jeweiligen Präsidentschaft“, heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagfraktion. Die Antwort liegt dem Handelsblatt vor. Dabei hatte die EU-Kommission schon 2013 einen Vorschlag für die Überarbeitung der Fluggastrechte-Verordnung vorgelegt. Ein Jahr späten legte das EU-Parlament eine Stellungnahme dazu vor.

Die spektakulärsten Airline-Pleiten
2017: Air Berlin
1 von 18

Mit Air Berlin hat die zweitgrößte Airline Deutschlands Insolvenz angemeldet. Die Pleite bahnte sich seit längerem an: Das Unternehmen mit rund 8.600 Beschäftigten schrieb seit Jahren Verluste und hielt sich hauptsächlich durch Finanzspritzen ihres Großaktionärs Etihad noch in der Luft. Am Freitag drehte die nationale Airline der Vereinigten Arabischen Emirate den Berlinern aber den Geldhahn zu. Mit dem Kredit von 150 Millionen Euro stellt nun der Bund den Flugbetrieb vorerst sicher.

Harter Wettbewerb
2 von 18

Air Berlin ist kein Einzelfall. Die goldenen Zeiten der Luftfahrt sind seit der Liberalisierung des Marktes, die in den 1980er-Jahren einsetzte, vorbei. Seitdem regiert ein knallharter Wettbewerb die Lüfte. Auch die Branchenkrise nach den Anschlägen des 11. September 2001 und das Aufkommen der Billigflieger sorgen dafür, dass viele bekannte Airlines in die Pleite gerutscht sind.

1991: Pan American Airways
3 von 18

Wie kein zweites Unternehmen stand „Pan Am“ für das glamouröse Jet-Zeitalter. 1927 flogen die ersten Postflugzeuge unter dem Namen zwischen Florida und Havanna. Schnell wurde das Unternehmen zu einer der größten US-Fluggesellschaften. Die Airline war eine der ersten, die Interkontinentalflüge anbot, und setzte zahlreiche Standards in der zivilen Luftfahrt. Das blau-weiße „meatball“-Logo von Pan American genießt bis heute Kultstatus.

1991: Pan American Airways
4 von 18

In den 1980er-Jahren begann der Stern von Pan Am zu sinken. Durch die Deregulierung des US-Marktes kamen zahlreiche Konkurrenten auf. 1988 wurde über dem schottischen Lockerbie eine Maschine durch einen Terroranschlag zum Absturz gebracht, was das Vertrauen der Öffentlichkeit erschütterte. 1991 folgte die Übernahme durch Delta Air Lines.

1992, 1995 und 2001: Trans World Airlines
5 von 18

Auch TWA gehörte zu den Pionieren der Luftfahrt. Gegründet 1930 als „Transcontinental and Western Air“, machte der exzentrische Milliardär Howard Hughes („The Aviator“) das Unternehmen zur zeitweise größten Airline der Welt. Hinter Pan Am war TWA die inoffiziell zweite Flaggschiff-Gesellschaft der USA. 1985 kaufte der Investor Carl Icahn TWA.

1992, 1995 und 2001: Trans World Airlines
6 von 18

In den 1990er-Jahren musste TWA zwei Mal in kurzer Folge Gläubigerschutz beantragen. 1996 starben beim Absturz einer Boeing 747 über dem Atlantik 230 Menschen. Die stark geschrumpfte Airline kam 2001 wieder in finanzielle Schwierigkeiten und wurde von Konkurrent American Airlines übernommen.

2001: SwissAir
7 von 18

1931 gegründet galt die Airline wegen ihrer finanziellen Stabilität lange als „fliegende Bank“. Aufgrund der politischen Neutralität der Schweiz konnte SwissAir zahlreiche lukrative Ziele in Afrika und im Nahen Osten anfliegen.

Darin wird explizit vorgeschlagen, den Fluggesellschaften die Pflicht zum Abschluss einer Insolvenzversicherung aufzuerlegen. Damit soll sichergestellt werden, dass Fluggäste die Kosten ihrer Flugscheine erstattet bekommen und dass festsitzende Fluggäste zu ihrem Zielflughafen befördert werden. Doch schon damals meldete die Kommission Bedenken an. Bemängelt wurde, dass eine derart „systematische Auflage“ die Kosten der geltenden Fluggastrechte-Verordnung für die Unternehmen verdoppeln und sich diese Kosten dann in den Flugpreisen niederschlagen könnten. Diese von den Fluggästen dann zu tragenden Kosten stünden aber in keinem Verhältnis zur Größenordnung des Problems. Von 2004 bis 2104 seien nur 0,07  Prozent aller Rückflüge von Insolvenzen betroffen gewesen und von diesen 0,07 Prozent hätten nur 12 Prozent der betroffenen Fluggäste festgesessen.

Gleichwohl erklärte die EU-Kommission in einer Mitteilung vom 18. März 2013 mit dem Titel „Schutz der Fluggäste bei Insolvenz des Luftfahrtunternehmens“, dass der Schutz von Fluggästen, deren Luftbeförderung nicht Teil einer Pauschalreise ist, verbessert werden könne. Diese Haltung teilt auch die Bundesregierung. Doch im Detail gehen dann die Meinungen wieder auseinander, wie die Antwort der Regierung auf die Grünen-Anfrage nahelegt. Die Lösung zu der Frage einer verpflichtenden Insolvenzabsicherung, heißt es darin, „sah die Europäische Kommission allerdings nicht in der Einführung einer dem Pauschalreiserecht vergleichbaren Insolvenzsicherung“.

Grünen warnen vor neuen Risiken bei Insolvenzabsicherung
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

3 Kommentare zu "Airline-Pleiten: EU lässt Flugpassagiere hängen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Seit Jahren gibt es ein Gesetz, das die Airlines verpflichtet, Fluggäste für Verspätungen zu entschädigen. Dank der hervorragenden Lobbyarbeit der Airlines geben diese aber einen Sch.... auf dieses Gesetz, da die Nichtbeachtung keinerlei Folgen hat. Hier muß eine automatische Entschädigung erfolgen und wenn die Airlines ein solches Gesetz offensichtlich auf Weisung des jeweiligen Vorstandes nicht befolgen, dann gehören diese Vorstände in Beugehaft. Jede Wette, dass dann auf einmal alles ganz leicht geht. Da es in dieser EU aber auch nur noch um den Profit der großen Konzerne geht, bleibt das wohl ein Wunschtraum.

  • Und als nächstes kommt dann eine verbindliche Eigenkapitalquote für Fluggesellschaften und ein "Flugtickethandelsgesetz". Dann muss dokumentiert werden, dass der Fluggast beim Ticketkauf auch ausreichend über die Risiken informiert wurde!

  • ...und wer heute noch einen Flug bei Air Berlin bucht, ist nicht nur schutzlos, sondern auch noch dämlich.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%