Alarm wegen russischer Kampfflugzeuge

Putin provoziert die Nato

Ungewöhnlich viele russische Kampfjets überfliegen Europa. Eine ganz normale Übung, sagt der Kreml. Ein Sicherheitsexperte warnt vor einem „gesteigerten Aggressionspotential“. Bundeskanzlerin Merkel bleibt unbesorgt.
Update: 30.10.2014 - 15:37 Uhr 94 Kommentare
Zu Hause in der Defensive, offensiv in der Fremde: Russlands Präsident Wladimir Putin. Quelle: ap

Zu Hause in der Defensive, offensiv in der Fremde: Russlands Präsident Wladimir Putin.

(Foto: ap)

DüsseldorfDer Konflikt mit der Ukraine und die Zerwürfnisse mit dem Westen setzen den russische Präsident Wladimir Putin zunehmend unter Druck. Das russische Selbstbild der Weltmacht konkurriert mit einem schwachen Rubel, einer hohen Arbeitslosigkeitsquote und einer sinkenden Produktivität. Putin tritt zwar souverän auf, ist aber längst nicht mehr der unangefochtene Führer des größten Landes der Welt.

Mit dem Manöver der russischen Luftwaffe im internationalen Luftraum will der russische Präsident offenbar Stärke demonstrieren. „Nur so sind die letzten Übertritte zu erklären“, sagt der Direktor der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, Karl-Heinz Kamp, im Gespräch mit dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). Ein Nato-Sprecher betonte zwar, dass der Nato-Luftraum nicht verletzt worden sei. Eine derart hohe Zahl an Einsätzen habe es in den vergangenen Jahren aber nur selten gegeben.

Allein am Mittwoch zählte die Nato mindestens 25 russische Kampfmaschinen im internationalen Luftraum. „Das ist eine Häufung“, sagt der langjährige Forschungsdirektor der Nato, Kamp. Dabei sei der Eintritt fremder Flugzeuge in den Luftraum eines anderen Landes gar nichts Ungewöhnliches. Vielmehr sei dies Kamp zufolge „eine gängige Praxis“, um Unsicherheit und Nervosität hervorzurufen. „Außerdem testet man so die Reaktion der Gegenseite“, erklärt der Sicherheitsexperte.

Alles also nur ein harmloses Muskelspiel? Nein, sagt der Experte. Denn der unangemeldete Eintritt in das Hoheitsgebiet eines anderen Landes sei zu Wasser, zu Land und in der Luft ein gefährliches Unterfangen. Erst im Mai mussten schwedische Kampfjets einen russischen Bomber aus heimischem Territorium geleiten. Dabei gerieten die Kampfjets bis auf wenige Flügellängen aneinander. Ein falsches Manöver hätte genügt, um die beiden Maschinen zum Abstürzen zu bringen. Die Folge wären neben menschlichen Opfern zumindest schwerwiegende diplomatische Verwerfungen gewesen – wenn nicht eine internationale Krise.

„Wir beobachten eine Häufung der russischen Kampfjets im Nato-Luftraum“, sagt Kamp. In diesem Jahr seien bislang mehr als drei Mal so viele russische Kampfjets in den Luftraum der Nato geflogen als im Vorjahr. Nach Nato-Angaben wurden in diesem Jahr bereits 100 Mal russische Flugzeuge von Nato-Jets im europäischen Luftraum eskortiert, dreimal so viel wie im vergangenen Jahr.

So soll verhindert werden, dass feindliche Flugzeuge in den Nato-Luftraum eindringen. In der vergangenen Woche war nach Nato-Angaben ein russisches Aufklärungsflugzeug bei Estland in den Luftraum des Bündnisses eingedrungen. Dies sei zwar nicht ungewöhnlich, sagt der Experte. Putin zeige aber dennoch ein „gesteigertes Aggressionspotenzial“.

Merkel bleibt gelassen
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94 Kommentare zu "Alarm wegen russischer Kampfflugzeuge: Putin provoziert die Nato"

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  • Die schwächelnden deutsche Rüstungsindustrie braucht dringend eine Legitimation zu höheren Rüstungsausgaben der Bundesregierung.

  • Es ist immer angenehm, ihre Kommentare zu lesen. Ich verabschiede mich hiermit aus dem Block und wünsche Ihnen und den anderen Kommentatoren - und natürlich den Lesern - einen schönen Abend.

  • " Wenn dies Russland ist, was steht also einer solchen Wahl entgegen."

    Richtig. Wäre Putin ein echter Demokrat und ginge es ihm um die Sache, würde - oder besser - hätte er sich so verhalten. Er ist es aber nicht. Mit diesem Verhalten zeigt er, wie weit er sich von rechtstaatlichen Standards entfernt hat. Er zeigt, dass er nicht nachhaltig in einem Sinne denkt, als er Integration in die Weltgemeinschaft als vorteilhaft sieht. Er verhält sich ungefähr so, wie George W. Bush, der auch eine gewisse Zeit meinte in selbstgefälliger Arroganz die Welt beglücken wollte. Er war der Meinung, auf niemanden angewiesen zu sein und der Welt seine Regeln diktieren zu können.

    Das hat bei ihm nicht geklappt und wird erst recht nicht bei Putin funktionieren.

  • @ 17:54 Reiner Vogels
    "demokratisches Referendum"

    Wenn Putin sich sicher ist, dass die Bewohner der Krim gerne zu Russland gehören, was hindert ihn daran, eine Wahl unter internationaler Aufsicht abzuhalten, um die international vorhandenen Zweifel entgültig aus dem Weg zu räumen?

    Sollte es jedoch so sein, dass geschuldet dessen, dass bei der "demokratischen" Wahl gar keine Zeit war, sich über die Konsequenzen dessen was zur Entscheidung anstand, Gedanken zu machen und sie diese Entscheidung deshalb bereuen, ergibt sich für die Krimbewohner folgende Situation:

    Sie möchten den Schnellschuß wieder rückgängig machen, aber Putin läßt sich nicht mehr gehen - sein Militär ist dann Garant dafür, dass die Leute sich fügen.

    Aus diesem Blickwinkel sollten sie ihren Satz
    "Demokraten sollte sein Ergebnis respektieren"
    noch einmal betrachten.

    Alle dies würde durch eine Wahl unter internationaler Aufsicht ausgeräumt. Die Menschen der Krim würden dann mit Sicherheit in dem Staat leben, in dem diese auch leben wollen. Wenn dies Russland ist, was steht also einer solchen Wahl entgegen.

  • "habe ich vollstes Vertrauen"

    Ich weiß nicht, ob das richtig rüberkommt: Seien Sie skeptisch - auch was Herrn Schäuble anbelangt. Es ist zwar manchmal gut, einen harten, sturen Hund wie Herrn Schäuble dabei zu haben, was allerdings nicht bedeutet, dass man ihm uneingeschränkt vertrauen darf. Es gibt Situationen - insbesondere aus seiner Zeit als Innenminister, da hätte ich gern auf seine "Anwesenheit" verzichtet.

  • @Leon Krausnick
    "harte Linie"

    Mein Hauptanliegen ist, mit dazu beizutragen, eine Lösung zu finden, so dass alle Parteien - zumindest mittel- bis langfristig - gut miteinander leben können. Die bisherige standhafte Haltung des Westens hat für jeden deutlich gemacht, dass die Verletzung territorialer Grenzen massive Konsequenzen nach sich zieht. Diese Botschaft ist angekommen - das ist wichtig für die Zukunft. Zu einem Kompromiss, den unsere Bundesregierung mitträgt, habe ich vollstes Vertrauen. Die Bundeskanzlerin mit ihrer ausgleichenden Art hat ein genaues Gespür dafür, was angemessen und wirtschaftlich zum Wohle der Bundesrepublick ist - nicht nur bei letzterem kann sie ja gottlob auf die Erfahrung und aussergewöhnliche Expertise unsers Finanzministers zurückgreifen.

  • Es gibt übrigens auch einen guten Spiegel-Video beitrag. Wer als (echter) Putin-Anhänger mal erleben möchte, wie bizarr die eigenen Aussagen auf normale Leute wirken, sollte sich den Beitrag "Grenzer im Nostalgierausch" ansehen. Beim Ansehen des Beitrags kann ungefähr nachempfunden werden, wie es sich anfühlt, wenn Eigen- und Fremdwahrnehmung von Gegebenheiten divergieren.

    http://www.spiegel.de/video/es-war-nicht-alles-schlecht-ddr-grenzer-im-nostalgierausch-video-1531437.html

  • Warum ich mich unter amerikanischem Einfluss mit eingebauten Nato-Schutzschirm so sauwohl fühle, und nie mehr die "Vorzüge" russisch geprägter Ideologie genießen möchte:

    http://www.spiegel.de/einestages/revolution-in-rostock-zeitzeugenbericht-ueber-das-ende-der-ddr-a-999453.html

  • "Rußland wird seine eigenen Industrien aufbauen, fehlende Importe entweder durch andere Lieferanten oder durch Eigenproduktion ersetzen und sich Schritt für Schritt finanzpolitische Unabhängkeit vom Dollar erarbeiten."

    Ich sag's mal frei nach Schäuble: Ich wünsche den Russen jeden Erfolg. ;) Angesichts der desaströsen Lage auf fast allen Gebieten - politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturell - in Russland bin ich ziemlich sicher, dass hier keine wesentlichen Verbesserungen zu erwarten sind.


  • "Da braucht es doch keinen Vorwand, oder?"

    Man braucht einen Grund, den Druck auf Putin aufrecht zu erhalten. Wenn Putins Unterhändler gut verhandeln, kann es passieren, dass man sich auf einen Kompromiss einlässt. Das ist per se natürlich nicht falsch, nur kann es dazu führen, dass man die Krim (lieber) aufgibt, weil man den Konflikt nicht weiter führen möchte. Dass man die harte Linie zu mindest ein Stück weit verlassen hat, sieht man an der Geschichte mit den franz. Kriegsschiffen. Würde die EU und Nato größere Unnachgiebigkeit nach außen signalisieren, würde ich dazu tendieren, das Putin oder sein Nachfolger auch die Krim aufgibt. Ich sehe das nur gerade nicht.

    Putin hat höllische Angst vor neuen Sanktionen...das würde die Rückkehr zur harten Haltung bedeuten aber einen Grund hierfür wird er nicht liefern.

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