Mit ihrem alarmierenden Bericht über die Erderwärmung hat der Weltklimarat am Freitag die Politik aufgerüttelt. Als Reaktion plant die Bundesregierung ein millionenschweres Aktionsprogramm. Frankreichs Präsident Jacques Chirac will die Kompetenzen der Umweltbehörde der Vereinten Nationen ausweiten. Die USA äußerten sich dagegen zurückhaltend: Washingzon begrüßte den Bericht und sprach von „einer wertvollen Informationsquelle für politische Entscheidungsträger“.
HB PARIS/BERLIN. Die Uno-Forscher prognostizieren einen Anstieg des Meeresspiegels um bis zu 59 Zentimeter sowie um 6,4 Grad höhere Temperaturen bis 2100. Selbst bei einem sofortigen Stopp der CO2-Emissionen würde sich die Atmosphäre Jahrhunderte weiter aufheizen, heißt es in der Studie, die am Freitagmorgen vorgestellt worden war.
Die Bundesregierung plant als Konsequenz aus dem Bericht ein mit 255 Mill. Euro ausgestattetes Aktionsprogramm, wie Forschungsministerin Annette Schavan ankündigte. Umweltminister Sigmar Gabriel forderte eine rasche Einigung über die Klimaschutzpolitik in der EU und ein neues Ziel zur Verminderung der gefährlichen Treibhausgase um 30 Prozent weltweit bis 2020.
EU-Umweltkommissar Stavros Dimas erklärte, der Bericht des Weltklimarats (IPCC) unterstreiche die Notwendigkeit eines Nachfolge-Abkommens für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll. Alle Industriestaaten müssten sich in einem neuen Abkommen dazu verpflichten, ihre Treibhausgas-Emissionen bis 2020 um 30 Prozent unter das Niveau von 1990 zu bringen.
„Während der Klimawandel wie ein Hase läuft, kriecht die Politik wie eine Schnecke“, erklärte der italienische Umweltminister Alfonso Pecoraro Scanio. „Entweder wir legen einen Zahn zu oder wir riskieren eine Katastrophe.“ Scanio forderte eine globale Steuer auf CO2-Ausstöße und eine gestärkte Uno-Umweltorganisation.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Chirac fordert „ökologische Revolution“.
An der Studie haben mehr als 500 führende Klimaforscher sowie Vertreter von 113 Staaten mitgearbeitet. An der Verantwortung des Menschen für die eindeutige Klimaveränderung gebe es nun keinen Zweifel mehr, sagte Co-Autorin Susan Solomon. Laut der Expertise sind die Temperaturen in den letzten 50 Jahren doppelt so schnell gestiegen wie in den 100 Jahren zuvor. Der Kohlendioxid-Gehalt der Luft hat durch den Verbrauch fossiler Brennstoffe seit 1750 um 35 Prozent zugenommen.
Wenige Stunden nach Veröffentlichung des Klimaberichts kamen Regierungsvertreter, Wissenschaftler und Umweltschützer aus 60 Staaten in Paris zusammen, um eine Stärkung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) einzuleiten. Der französische Staatspräsident Jacques Chirac eröffnete die zweitägige Konferenz mit der Forderung nach einer „ökologischen Revolution“. „Wir haben keine Zeit mehr für halbe Sachen“, sagte Chirac.
Das französische Staatsoberhaupt forderte, das Umweltprogramm Unep müsse in eine vollwertige Uno-Organisation umgewandelt werden. Unep verfüge im Moment nur über unzureichenden Einfluss. Die Uno solle eine universelle Erklärung für Umweltrechte und -pflichten verabschieden. Zudem sollten Unternehmen stärker zur Verantwortung gezogen werden. Die Schweiz bekräftigte ihren Vorschlag für eine internationale CO2-Abgabe.
Der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel begrüßte Chiracs Vorstoß. Auch der Uno-Generalsekretär unterstützte den Plan. Unep müsse weit reichenden Reformen unterzogen werden, um für die Herausforderungen gerüstet zu sein, sagte Ban Ki Moon. Die Uno müsse den Regierungen bei einer nachhaltigen Entwicklung helfen.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Kritik der US-Demokraten an Präsident Bush.
Mit Kritik an der Regierung von US-Präsident George W. Bush reagierten die amerikanischen Demokraten am Freitag auf die Veröffentlichung des dramatischen Weltklimaberichts. Der Bericht sei ein schlagender wissenschaftlicher Beweis gegen alle, die sich noch immer nicht festlegen wollten, wer für die globale Erwärmung verantwortlich sei, sagte der Abgeordnete Edward Markey.
Das Weiße Haus veröffentlichte wenige Stunden nach dem Bericht eine Erklärung. Darin wird die US-Delegationsleiterin beim Uno-Umweltgremium IPCC, Sharon Haysdpa zitiert, die zentralen Erkenntnisse des Klimaberichts seien „eine wertvolle Informationsquelle für politische Entscheidungsträger“. Die USA spielten schon lange eine „führende Rolle in der Klimaforschung“, hieß es weiter. Seit 2001 habe US-Präsident George W. Bush insgesamt 29 Mrd. Dollar (gut 22 Mrd. Euro) für dieses wissenschaftliche Feld zur Verfügung gestellt. Am Mittwoch hatten Wissenschaftler allerdings vor dem US-Kongress berichtet, dass sie gezwungen worden seien, Studien über Klimaerwärmung und den Einfluss des Menschen auf diese Entwicklung auf Druck des Weißen Hauses zu manipulieren.
Der Uno-Bericht biete eine Fülle an Informationen auch über den menschlichen Beitrag zur Erderwärmung in den vergangenen 50 Jahren, meinte Hays. Bush, der sich lange sehr skeptisch über die Warnungen von Wissenschaftlern äußerte und die Unterzeichnung des Kyoto-Abkommens verweigert, hatte kürzlich erstmals in überraschender Deutlichkeit den Klimawandel als „ernste Entwicklung“ bezeichnet. Die USA würden nun Pläne zur Verringerung des Kohlendioxid-Ausstoßes vorantreiben.


