Aleppo nach dem Aufstand
Stadt ohne Hoffnung

Busse sollen die Menschen aus Aleppo in Sicherheit bringen. Doch viele können nur schwer begreifen, dass die Stadt wirklich verloren sein soll. Sie lassen nicht nur ihre Heimat zurück – sondern auch einen Traum.
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BeirutDer Tod kam Modar Scheicho sehr nahe in Aleppo. Zu Beginn des Aufstands wurde seine Schwester bei einem Beschuss durch Regierungstruppen getötet. Sein Bruder starb im vergangenen Monat. Und als die Familie einen Ort suchte, um ihn zu begraben, tötete ein weiterer Luftangriff seinen Vater. Und doch harrte Scheicho in der Stadt so lange aus wie irgendwie möglich.

Doch nun musste er doch gehen. Scheicho verabschiedete sich in einem Video von Aleppo. „Wir wollten Freiheit und das haben wir bekommen“, sagt er vor einem Hintergrund aus zerbombten Häusern und Tausenden wartenden Menschen, die mit Bussen aus der Stadt gebracht werden sollen. Schon in den ersten Stunden des Exils sehnt sich der 28 Jahre alte Krankenpfleger nach seiner Stadt. „Meine Seele zerreißt mit jedem Schritt weg von Aleppo“, erklärt Scheicho. Wie Tausende andere hielt auch Scheicho mehrere Kriegsjahre lang an der Heimat fest. Doch in den vergangenen drei Wochen waren die Soldaten immer weiter vorgerückt, Viertel für Viertel. Die Rebellen wurden auf eine kleine Enklave im Osten der Stadt zurückgedrängt.

Busse sollen die Menschen in Sicherheit bringen, ein Angebot, das viele dankbar angenommen haben. Doch nun verzögert sich die Evakuierung. Grund ist heftiger Schneefall. Ein AFP-Reporter im westlichen Stadtteil Ramussa, durch den in den vergangenen Tagen tausende Menschen aus dem Osten in Sicherheit gebracht wurden, sah bis zum Mittag keinen Konvoi. Der Schneefall erschwerte die Lage für die Menschen, die noch in den östlichen Stadtteilen ausharrten.

Nach Angaben von Menschenrechtlern stockt auch der Transport von Zivilisten aus den beiden von Rebellen belagerten Orten Fua und Kafraja im Nordwesten Syrien. Die Menschen dürfen die Orte im Gegenzug für die Evakuierung Ost-Aleppos verlassen. Am Dienstag hätten sich acht Busse auf den Weg in Regierungsgebiete gemacht. Es sei jedoch unklar, wo die Fahrzeuge geblieben seien, erklärten die Menschenrechtsbeobachter.

Seit Beginn der Evakuierung verließen nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) etwa 25.000 Menschen die letzten Rebellengebiete der nordsyrischen Stadt. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte hatte eine niedrigere Zahl der Menschen angegeben. Demnach wurden rund 16.000 Menschen in das von Rebellen kontrollierte Umland südwestlich der Stadt gebracht. 2000 bis 3000 Menschen warteten noch auf den Transport, darunter auch Kämpfer.

Die Vertriebenen sind bislang in anderen von Rebellen kontrollierten Gebieten in den Provinzen Aleppo und Idlib untergekommen. Das größte Problem bei der Versorgung sei die Unterkunft, erklärte Mohammed Katub von der Hilfsorganisation Syrian American Medical Society (SAMS), die in Syrien medizinische Einrichtungen unterstützt. Die Vertriebenen kämen in Zelten, Moscheen und Schulen unter. Es sei schwierig, sie dort mit Wasser zu versorgen und vor der Kälte zu schützen.

Viele – wie auch Scheicho – können nur schwer begreifen, dass Aleppo wirklich verloren sein soll. Von den knapp zehn Einwohnern und Aktivisten, mit denen die Nachrichtenagentur AP in regelmäßigem Kontakt steht, erklärt nur einer, er sei von der Rebellion enttäuscht.

„Diese Revolution ist einer der größten Misserfolge der Welt“, erklärt der 21-jährige Ahmed, der sich noch immer in Aleppo aufhält. „Wenn Gott mich hiervor bewahrt, werde ich in die Türkei gehen und ein neues Leben beginnen.“ Das Regime sei kriminell, die Rebellen hätten die Menschen getäuscht.

Die meisten quält der Verlust von Aleppo. Sie wollen ihren Traum von einem Syrien von Präsident Baschar al-Assad nicht aufgeben. Zu ihnen gehört die Gynäkologin, die nur ihren Vornamen Farida angibt. Sie wollte nicht flüchten, ihre Patientinnen nicht allein lassen. Ihr Mann zwang sie schließlich, mit ihm in ein Gebiet unter Kontrolle der Regierung zu gehen. Die gemeinsame Tochter hatten sie bereits zuvor aus der Stadt geschickt.

Kommentare zu " Aleppo nach dem Aufstand: Stadt ohne Hoffnung"

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  • @Peter Spiegel
    Inzwischen habe ich schon zwei Doppelgänger hier in den Kommentarbereichen. Bin mal gespannt, wieviele das noch werden...viel Feind - viel Ehr ;)
    Und noch eines, wer mich hier schon länger kennt, der weis, wie ich etwas Schreibe und Formuliere...also, der weis, wie der "Richtige" Mark Hoffmann gestrickt ist.
    Ich werde nie aufhören zu kommentieren. der Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr ist meine persönliche Verpflichtung, was auch sonst.
    Schade ist nur, dass man am Wochenende nicht kommentieren darf
    Danke!

  • "Herr Fritz Porters - 18.11.2016, 11:43 Uhr

    @ Herr Hoffmann

    ich habe nicht diesen enormen politischen Sachverstand wie Sie, aber die von Ihnen beschriebene "Grünen-Sozialistischen Vernichtungspolitik".... ist das sowas wie ein "Gemüseauflauf"? :-D
    Herrlich, die Kommentare sind echt Comedy... einige Artikel im HB sind echt besorgniserregend, aber die Kommentare können einem das Lachen zurückzaubern. Danke ...muss weiter arbeiten...aber nachher schaue ich noch mal in die Kommentare...will doch auch später noch was zu schmunzeln haben..."

    @Porters

    VIELEN DANK Herr Porters,
    es ist wirklich ein immenser Zeitaufwand, von morgens bis abends zu jedem Artikel so witzige Kommentare zu schreiben.
    Bei manchen Artikeln sogar mehrere.
    Schön das Sie das zu schätzen wissen.

    Aber die Ehre gebührt nicht mir alleine. An den Comedy-Kommentaren sind noch weitere Leute beteiligt die auch gewürdigt sein wollen:
    Paff, von Horn, Vinci Queri, Delli, Bollmohr, Caruso, Mücke, Ebsel, Dirnberger....

    ohne sie wäre ich hier sehr einsam !

    Aber besonders erwähnen möchte einen, der wirklich den ganzen Tag, und damit meine ich von morgens bis abends, aber auch wirklich jeden Artikel kommentiert (er ist fleisiger als ich), und auch die meisten Artikel mehrmals kommentiert.....

    das ist unser geliebter

    TRAUTMANN

    Danke

  • "Herr Josemin Hawel"
    "Und immer nur geht alles gegen Merkel. Ich finde, dass Handelsblatt sollte etwas gegen krude Propaganda und auch Textmüll wie den von Hoffmann unternehmen."

    Das ist ja wohl unerhört.
    Da gibt man sich täglich von morgens bis abends die Mühe jeden Artikel,aber auch wirklich jeden zu kommentieren, und zu vielen Themen der Artikel habe ich wirklich keine Ahnung, dann wird man auch noch beschimpft.
    Dabei kläre ich die Leute doch nur über Putin und Trump auf, zwei echte Kerle.
    Wo wir mit unserem sprechenden Hosenanzug hingekommen sind sieht man ja wohl aktuell.
    Danke

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