Alexander Graf Lambsdorff: „Der Ball liegt jetzt bei Tsipras“

Alexander Graf Lambsdorff
„Der Ball liegt jetzt bei Tsipras“

Der griechische Überflieger Alexis Tsipras legt enormes Tempo vor – sein Aktionismus könnte ihm jedoch schnell um die Ohren fliegen. Denn der Rest der Eurozone sitze am längeren Hebel. Ein Gastbeitrag.
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BerlinDiplomatie gehört nicht zu den Stärken des neuen griechischen Ministerpräsidenten. Kaum 48 Stunden im Amt, stößt Alexis Tsipras bereits seine europäischen Partner vor den Kopf. Die Privatisierung des Hafens in Piräus soll zurückgenommen, der öffentliche Sektor aufgestockt und Renten und Mindestlohn deutlich angehoben werden. Als Koalitionspartner wählt er europafeindliche Rechtspopulisten.

Was sich wirtschaftspolitisch wie eine Anleitung aus dem kommunistischen Manifest anhört, könnte dem griechischen Überflieger ganz schnell auf die Füße fallen. Und mit seiner Kritik an den Sanktionen gegen Russland eröffnet er noch einmal eine ganz andere Reihe von Problemen. Doch in der für sein Land zentralen Finanzfrage weiß auch Tsipras, allem Aktionismus zum Trotz, dass der Rest der Eurozone am längeren Hebel sitzt. Denn Europa hat in den letzten Jahren die Vorkehrungen für einen möglichen Ausstieg Griechenlands aus der Gemeinschaftswährung bereits getroffen.

Dank eines reformierten Stabilitätspaktes, aber auch dank der Bankenunion, des ESM und einer selbstbewussten Europäischen Zentralbank. Weil es diese Institutionen gibt, kann man heute die Frage nach einem möglichen „Grexit“ ruhiger angehen als noch 2010 oder 2012.

Das zeigt im Übrigen auch die entspannte Reaktion der europäischen Aktien- und Devisenmärkte in dieser Woche. Die Eurozone ist stabiler geworden und längst nicht mehr so anfällig für finanzpolitische Erpressungsversuche – auch dank der zum Teil heftig umstrittenen Maßnahmen, die die FDP in ihrer Regierungszeit mitgetragen hat.

Während ein „Grexit“ für Europa wirtschaftlich also kein fundamentales Problem mehr darstellen würde, wäre er für Griechenland eine Katastrophe. Ein Blick nach Argentinien zeigt, was die Zahlungsunfähigkeit für einen Staat bedeutet: Nachhaltiges Wirtschaftswachstum ist seit über einem Jahrzehnt nicht in Sicht, die Mittelschicht verarmt zunehmend.

Die Abwertung einer neuen Drachme würde Importe drastisch verteuern, die Inflation wäre dramatisch und der Auswanderungsdruck würde noch weiter ansteigen. Da kann die AfD noch so oft vom freiwilligen Austritt aus dem Euro schwadronieren – ein Staatsbankrott liegt sicher nicht im Interesse der griechischen Bevölkerung.

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Kommentare zu " Alexander Graf Lambsdorff: „Der Ball liegt jetzt bei Tsipras“"

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  • "Tsipras spielt die Russlandkarte"

    Bleibt immer noch erfolglos damit, wenn er Erpressung versucht - das ändert nichts. Er hat die Sanktionen schließlich mitgetragen. Griechenland wird es mit Geisterfahrerei viermal schwerer haben als jetzt.

  • Na ja, lesen Sie einfach mal den Artikel " Tsipras spielt die Russlandkarte" hier im HB, heute nachmittag. Viel Spaß beim Lesen.

  • "Sie können das Erpressung nennen, man kann es auch knallharte Realpolitik nennen.."

    Ist immer noch vollkommener Blödsinn. So funktioniert Politik nicht in der EU. Vielleicht bei Putin und in AfD-Träumen, aber nicht bei uns. Das ist sehr weit weg von europäischer Realität. Da gab's schon schwierigere Fälle als ihn.

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