Alistair Darling
Ruhig wie ein Buchhalter und offen wie Kassandra

Der britische Schatzkanzler Alistair Darling führt die heimische Finanzbranche bislang sicher durch ihre schwerste Krise. Obwohl er täglich mit Millardensummen jongliert, löst er diese schwere Aufgabe mit gelassener Ruhe - und einer ungewohnten Offenheit.
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LONDON. Es ist wieder ein Tag, an dem man das Darling-Paradox studieren kann: je größer und kontroverser die Entscheidungen, desto milder und unaufgeregter der Mann. Exakt um 7 Uhr 01 gestern Morgen wird an der Londoner Börse die Regierungsankündigung veröffentlicht, mit der die britische Finanzbranche aufgemischt, die teilverstaatlichten Bankriesen säuberlich zerlegt und weitere 38 Milliarden Pfund Steuergelder in die Banken gepumpt werden – die bisher größte Notspritze.

Eine Stunde später sitzt Schatzkanzler Alistair Darling in seinem Amtssitz in der Downing Street Nummer 11 und beruhigt die Briten. „Ich weiß, es ist alles kompliziert“, sagt er in der BBC und hebt nur leicht seine Groucho-Marx-Augenbrauen. „Aber für die Steuerzahler ist es die beste Lösung und ein wichtiger Schritt auf einem sehr schwierigen Weg.“

Dass Darling beruhigend wie ein Buchhalter klingt, auch wenn es um schwindelerregende Milliardensummen aus der Staatskasse geht, gehört zu seinem Erfolgsgeheimnis. Gordon Brown, der Weltenretter, kneift die Lippen zusammen und schnappt mit dem Unterkiefer wie ein Fisch. Darling hat in bald 13 Jahren oft krisengeschüttelter Regierungsarbeit nie eine Miene verzogen.

Auch nicht am 7. Oktober 2008, als das Bankensystem vor dem Kollaps steht. Darling kehrt vom Finanzministertreffen in Luxemburg zurück und serviert Großbritanniens Bankern im Schatzamt indischen Balti Curry. „Ich weiß, Sie stimmen mir jetzt nicht zu. Finden Sie einen Weg zuzustimmen, und kommen Sie morgen wieder“, sagt er und schlägt vor, dass der Staat die Banken übernimmt. Am nächsten Tag lässt sich Brown als Bankenretter feiern. Darling steht daneben.

Ob er sich an seine Zeit bei der vierten Trotzkistischen Internationalen erinnert? Für einen jungen Mann aus gutem Hause, der auf eine schottische Privatschule geht und in Edinburgh Jura studiert, gehört eine marxistische Vergangenheit dazu. Aber dann wird er doch ein fleißiger Labourgemeinderat, Rechtsanwalt und 1987 Unterhausabgeordneter. Obwohl Schotte, gehört er nie zu Browns Schottenclique und hält sich aus den Kämpfen zwischen Brown und Blair heraus. Lieber ein blasses Profil und sein eigener Mann, ist seine Devise.

Seine Kabinettskarriere beginnt 1997 als zweiter Mann in Browns Schatzamt. 2002 bricht im Verkehrsministerium Chaos um den Railtrack-Kollaps aus, und Darling soll das Ministerium aus den Schlagzeilen herausholen. Als Verkehrsminister gelingt ihm das mit so durchschlagendem Erfolg, dass sein Ruf als temperamentloser Politiker zementiert ist. Der „Independent“ setzt ihn auf Platz eins der Liste von 20 „Titanen der Langeweile“.

Aber noch ist das Urteil über Darling nicht gefällt. Sein stiller Zweikampf mit Brown könnte noch wie Äsops Rennen zwischen Hase und Schildkröte ausgehen. Als Brown bei der Kabinettsumbildung im Juni das Schatzamt seinem Politikzögling Ed Balls geben will, weigert sich Darling – und gilt seither als unkündbar.

Immer wieder steht er mit unfehlbarer Loyalität für Fehler seines Vorgängers gerade. Etwa für die Abschaffung des niedrigsten Steuersatzes, mit der Brown ein Steuergeschenk für die Mittelklassen finanziert und eine Revolte der Labour-Hinterbänkler auslöst.

Als er dann noch die Verantwortung dafür übernehmen muss, dass ein Finanzbeamter 25 Millionen Personendaten auf einer Computerdiskette verloren hat, vergleicht ihn eine Zeitung mit einem Kurator, der „das wunderbare Gebäude erhalten muss, das Brown ihm hinterließ“ – obwohl es überall durchs Dach regne.

Darling hat sich mit stiller Zähigkeit Respekt verschafft. Und mit Offenheit. Im Sommer 2008 spricht er von der „schwersten Wirtschaftskrise seit 60 Jahren“ und wird von Brown in die TV-Studios kommandiert, um diese Bemerkungen „richtigzustellen“.

Er ist auch der Erste, der öffentlich zugibt: „Wir alle haben Fehler gemacht und müssen die Demut haben, das zuzugeben.“ Wen er wohl noch meinte?

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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