Allianz-Chefökonom Heise
„Populistische Spaltungsbewegungen selbstkritisch ergründen“

Die Angst vor Globalisierung hat Populisten in Europa zu einem ungeahnten Aufstieg verholfen. Allianz-Chefvolkswirt Heise rät der Politik daher zu mehr Selbstkritik und mehr Transparenz bei politischen Entscheidungen.
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Eine der wichtigsten politischen Herausforderungen im kommenden Jahr ist nach Ansicht des Allianz-Chefvolkswirts Michael Heise der Umgang mit populistischen Strömungen. Es müsse darum gehen, „die Vision eines friedlichen, demokratischen und politisch wie wirtschaftlich integrierten Europas wieder zu stärken“, sagte Heise dem Handelsblatt. „Die Ursachen der populistischen Spaltungsbewegungen muss die Politik selbstkritisch ergründen.“

Er denke hierbei unter anderem an die mangelnde Transparenz und Kompromissfähigkeit in vielen politischen Prozessen in Europa, sagte Heise weiter. „Es muss veranschaulicht werden, dass die europäische Integration nicht die tiefere Ursache der Globalisierung ist, sondern den Bürger in einem gemeinsamen Wirtschaftsraum mit hohen sozialen, umweltpolitischen und handelspolitischen Standards vor potenziellen negativen Folgen der Globalisierung schützt.“

Dass die etablierte Politik in dieser Hinsicht offenbar Fehler gemacht hat, zeigen die Erfolge der AfD bei mehreren Landtagswahlen, der überraschende Sieg des Brexit-Lagers in Großbritannien und der vielleicht noch überraschendere Triumph des US-Milliardärs Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl in seinem Land. Mit Bangen blicken die etablierten Parteien daher schon jetzt auf 2017. Denn im kommenden Jahr könnten Rechtspopulisten bei einer Reihe von Wahlen in Europa wieder Aufsehen erregende Ergebnisse einfahren.

In diese Richtung deutet auch ein jüngst veröffentlichte EU-Studie der Bertelsmann-Stiftung. Die Experten kommen darin zu dem Ergebnis, dass Globalisierungsängste eine wesentliche Rolle spielen, wenn Menschen Strömungen zuneigen, die sich gegen das sogenannte Establishment stellen. Besonders in Deutschland schlägt sich diese Angst vieler Bürger in deren Wahlentscheidung nieder.

So ergab die im August durchgeführte Befragung von 14.936 Personen in den neun größten EU-Mitgliedstaaten Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Österreich, Polen, Spanien und Ungarn, dass Anhänger rechtsnationaler und populistischer Parteien besonders häufig die Folgen internationaler Verflechtung fürchten. Über zwei Drittel der AfD- (78 Prozent), Front-National- (76 Prozent) und FPÖ-Unterstützer (69 Prozent) sehen demnach die Globalisierung als Bedrohung.

Auch Rückschläge in der weltweiten wirtschaftlichen Entwicklung können populistische Tendenzen stärken. Als zentrale ökonomische Herausforderung sieht der Allianz-Chefökonom Heise daher, die EU und die Vereinigten Staaten auf einem stabilen wirtschaftlichen Wachstumskurs zu halten. „Der starke Dollar sowie expansive Fiskalprogramme in den USA werden das amerikanische Leistungsbilanzdefizit weiter ansteigen lassen, was handelspolitische Restriktionen der neuen US-Administration wahrscheinlicher macht“, sagte der Ökonom.

Eine im Gegenzug massive Abwertung des Euro, die mit einem Auseinanderdriften in der Gelpolitik dies- und jenseits des Atlantik verbunden sei, wäre jedoch auch für die Europäischen Währungsunion „keine gute Medizin“. Die Folgen seien steigende Preise, ein Verlust an Kaufkraft sowie ein schwächelnder Konsum.

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„Geldpolitische Normalisierung mit etwas höheren Zinsen in Europa“

Kommentare zu " Allianz-Chefökonom Heise: „Populistische Spaltungsbewegungen selbstkritisch ergründen“"

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  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

  • Nie im Leben ist das die "Angst vor der Globalisierung".

    Die Tatsache, dass die Politik stur und stumpf ihr eigenes Ding macht und die Bevölkerung zu ganzen Teilen nicht mitnimmt, ist Ursache für die Etablierung von Splittergruppen mit extremerem Weltbild. Nichts anderes!

    Die vollzogene Entmündigung des Volkes zwischen den Wahlen ist das Problem.

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