Alltag im Irak ist gefährlicher denn je
Das absurde Leben auf den Straßen von Bagdad

Eine Woche vor dem Machtwechsel ist der Alltag im Irak gefährlicher denn je. Ein Familienvater aus der Hauptstadt erzählt von Bombenexplosionen und Bandenkriegen.

BERLIN/BAGDAD. Es ist gegen neun Uhr morgens, als am Donnerstag der Vorwoche wieder einmal die Wände erzittern. Safar Said hat die Tür zu seinem Arbeitsplatz im Bagdader Diplomatenstadtteil Hay Babil gerade geöffnet, als er die Detonation gleichzeitig hört und spürt. Safar sieht aus dem Fenster in Richtung des vornehmen Bezirks Mansour. Von dort, aus dem Westen, war die Explosion gekommen und dort ist nun auch eine dichte Rauchwolke zu sehen, die sich langsam zum Stadtzentrum hin bewegt. „Es ist schon das zweite Mal, dass sie das Rekrutierungszentrum angreifen“, sagt Safar, als er erfährt, welchem Ziel der neue Anschlag gegolten hat. Doch überrascht klingt er dabei nicht.

175 Iraker hatten die Sicherheitskontrollen passiert und hielten sich bereits in dem mit Straßensperren und Sandsäcken geschützten Bereich auf. Doch für 35 andere, die sich für die neue irakische Armee bewerben wollten und noch vor dem Eingang warteten, kam jede Rettung zu spät. Sie starben durch die Wucht der Explosion, die ein Selbstmordattentäter mit seinem weißen Geländewagen ausgelöst hatte. Es war der schwerste Einzelanschlag in Bagdad seit dem vergangenen Februar, als ebenfalls diese Sammelstelle der Armee angegriffen worden war.

Nachdem Safar für einige Momente aus dem Fenster gespäht hat, wendet er sich wieder seiner Arbeit zu, der Lektüre und Übersetzung von Zeitungen und Dokumenten. „Wir haben uns an den Terror gewöhnt“, sagt der 53-Jährige, um seine scheinbare Gelassenheit zu erklären. Und: „Ich kann ja nicht zu Hause sitzen. Was soll ich also machen?“

Nur weitermachen. Denn 14 Monate nach dem Sturz von Saddam Hussein und nur eine knappe Woche vor dem neuerlichen Machtwechsel ist die Gewalt zum Alltag geworden in Bagdad. Viele Tausende Menschen sind inzwischen bei Anschlägen, bei Kämpfen und Schießereien ums Leben gekommen, und viele Tausende wurden zum Teil schwer verletzt. Alltag, so wie gestern Morgen: Ein Sprengsatz, der auf einem Bürgersteig in einem Bananenkarton verborgen war, zündete, als ein junger Mann die Kiste öffnen wollte. Die Druckwelle traf ein vorbeifahrendes Auto und tötete auf dem Beifahrersitz eine Mutter und ihren Säugling. Am Tag zuvor sterben bei der Explosion einer Autobombe im Stadtteil Amerija drei Menschen. Gegen wen sich die Anschläge richteten? Es gibt keine Antwort.

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