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04.04.2008 
China und die Finanzkrise

Als Erstes sterben die Schuhhersteller

von Andreas Hoffbauer

China gilt bei vielen Investoren als relativ sicherer Hafen. Noch. Denn auch in den boomenden Küstenregionen ist die Finanzkrise längst angekommen. Doch anders als im Westen freuen sich Politiker und Ökonomen hier darüber.

Noch laufen die Maschinen in dieser Kleiderfabrik in China. Foto: dpaLupe

Noch laufen die Maschinen in dieser Kleiderfabrik in China. Foto: dpa

PEKING. Vor allem nachts kann man den Aderlass sehen. An der Schnellstraße zwischen Shenzhen und Hongkong, wo sonst die Neonleuchten in den Fabriken nie ausgehen, wird nun immer öfter nicht mehr gearbeitet. In der Provinz Guangdong (Kanton), berühmt und reich geworden als Werkbank der Welt, gehen die Lichter aus. Seit gut einem Jahr haben hier 1 000 Schuhhersteller dicht gemacht. Allein in den ersten zwei Monaten dieses Jahres ist die Zahl der Schuh-Exporteure von 1 855 auf 1 512 Firmen gesunken.

Chinas Exportregionen erleben in diesen Tagen schwere Rückschläge. Als Gründe nennen Beobachter neben steigenden Rohstoff- und Arbeitskosten vor allem zwei weitere Aspekte: Dollarkurs und US-Krise. Denn die Folgen des Subprime-Debakels in Amerika sorgen für sinkende Nachfrage, sagt Liu Mingkang, Chef der chinesischen Bankenaufsicht: „Das beeinflusst Chinas Exporte.“


Tabelle  Infografik: so steht es um die Wirtschaft in China


Längst ist die Subprime-Krise in den boomenden Küstenprovinzen Chinas angekommen. Und Jun Ma, Chef-Ökonom der Deutschen Bank in Hongkong, erwartet das dicke Ende erst noch für die kommenden Quartale: „Die negativen Folgen des Exportabschwungs sind schwerwiegender, als wir gedacht haben.“ Währungsbereinigt hätten sich Chinas Exporte in den vergangenen Monaten fast halbiert. Vor allem in Chinas Möbel-, Textil-, Schuh- und Haushaltsgerätebranche seien noch viele Pleiten zu erwarten.

Auch Stephen Green, Ökonom von Standard Chartered Research in Schanghai, sagt einen Wandel voraus, der „für viele schmerzvoll sein“ wird. Er sieht die Subprime-Folgen für China aber durchaus auch als Chance. Während viele Billigexporteure wohl aufgeben müssten, dürften bessere Firmen öffnen und neue Jobs schaffen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Schafft China die Balance?

Das ist durchaus im Sinn der chinesischen Regierung, die ihre Industrie endlich aus der Schmuddelecke der Billigheimer holen will. Daher komme der Führung in Peking die Subprime-Krise vielleicht gar nicht so ungelegen, schätzt ein Banker in Schanghai. Gleiches gelte für die Abkühlung der Börsen, die schwer eingebrochen sind, weil die Anleger durch die Finanzkrise nervös wurden.

Ähnliches gilt für das angepeilte Wirtschaftswachstum Chinas. „Jetzt wird das Ziel, das Wirtschaftswachstum deutlich zu drücken, vielleicht endlich mal wahr“, sagt der Finanzexperte. Chinas Führung will das Wachstum von zuletzt 11,4 Prozent auf acht Prozent abbremsen, nachdem in den vergangenen sechs Jahren das Bruttoinlandsprodukt jeweils zweistellig zulegte, weil alle Dämpfungsmaßnahmen verpufften.

Auch innenpolitisch versucht die Regierung die Folgen der US-Hypothekenkrise zu nutzen. Die Auswirkungen seien sehr besorgniserregend und könnten Chinas Aufschwung gefährden, sagte im März Premier Wen Jiabao. China versuche nun für hausgemachte Probleme – vor allem die hohe Inflation - fremde Mächte verantwortlich zu machen, kommentierte dies ein Analyst.

Die entscheidende Frage ist, ob China es schafft, eine Balance zwischen Wachstum und Inflationsbekämpfung, zwischen Exporten und Inlandsnachfrage zu finden. Gelinge dies, stellt die Weltbank fest, sei China für die Auswirkungen der Finanzkrise bestens gerüstet. Das Land bleibe damit Wachstumspool der Weltwirtschaft, werde mehr und mehr zum Gegengewicht zu den schwächelnden Industriestaaten.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Das staatliche Bankensystem als Schutzwall

Mit Blick auf die anhaltende Inflation muss sich Peking jedoch Sorgen machen, dass so viel ausländisches Kapital wie nie zuvor nach China fließt. Denn das Reich der Mitte gilt in diesen unsicheren Zeiten bei vielen Investoren als relativ sicherer Hafen. In den ersten beiden Monaten dieses Jahres flossen 18,1 Mrd. Dollar nach China – 75 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

„Fast jeder versucht Geld nach China zu bringen“, sagt dazu Ökonom Wang Qian von JP Morgan. Die Geldschwemme treibt aber wieder die Kreditvergabe an. Deutschbanker Jun Ma sieht darum schon wieder den Berg der „faulen“ Kredite, ein altes Milliardenproblem in Chinas Finanzwelt, in kritische Höhen wachsen.

Bislang bekommen die Bankenriesen aus dem Reich der Mitte die US-Krise allerdings kaum zu spüren, da sie wenig zweitklassige US-Hypotheken gekauft haben, sagt Ivo Naumann, Bankenexperte von Alix Partners in Schanghai. Das staatliche Bankensystem habe sich diesmal als ein Schutzwall erwiesen. Allerdings gelte auch hier Vorsicht. Es sei schwer zu sagen, ob chinesische Banken nicht doch mehr gekauft hätten als sie zugäben, so Naumann. Daher ist das wahre Ausmaß der Subprime-Krise in China noch nicht abzusehen. Die Weltbank-Experten rechnen zwar mit einem Abflauen des Wirtschaftswachstums auf inzwischen 9,4 Prozent. Doch auch damit könne das Reich der Mitte den Nachfragerückgang aus den USA ausgleichen, sind sie optimistisch.

Die darum gern genannte Theorie von der Abkopplung der asiatischen Wirtschaften – allen voran Chinas – halten viele Experten dennoch für fragwürdig. Bei einer echten US-Rezession wäre „China dagegen keineswegs immun“, sagt David Cohen, Asien-Analyst von Action Economics in Singapur. Das jüngste Fabriksterben in Guangdong ist dafür der beste Beleg.

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