Alte Sowjettradition
Putin führt den „Held der Arbeit“ wieder ein

Russland lässt eine alte Tradition aus Sowjetzeiten wieder aufleben: Erstmals seit 1991 wurde wieder der Kampftitel „Held der Arbeit“ verliehen. Staatschef Wladimir Putin sucht Zuflucht in der totalitären Vergangenheit.
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MoskauNeue Helden braucht das Land. Im prunkvollen Konstantinpalast in St. Petersburg krönt Kremlchef Wladimir Putin am 1. Mai die neuen Vorbilder für die Menschen im Riesenreich. Es ist eine sorgfältig inszenierte Wiedergeburt des Kampftitels „Held der Arbeit“, der aber zumindest jungen Russen gut 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus kaum etwas sagt.

Auch in der DDR gab es diese Ehrung für die Besten der Besten und als Beweis der Staatstreue für die Geehrten, die den Orden annahmen. Ex-Geheimdienstchef Putin gibt erneut seinen Kritikern Futter, die meinen, er wolle einen Staat nach dem Vorbild der Sowjetunion errichten.

Putins Worte, wonach der Zusammenbruch des Imperiums die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts sei, lassen seine Gegner seit langem befürchten, dass der 60-Jährige seine Vergangenheit nicht loswird. So strebt er etwa offen nach einer großen eurasischen Wirtschaftsunion ehemaliger Sowjetrepubliken.

Es war auch Putin, der die einst unter Sowjetdiktator Josef Stalin gespielte Nationalhymne nach dem Tod seines Amtsvorgängers Boris Jelzin wieder einführte, wenn auch mit neuem Text. Auch die russische Luftwaffe hat ihren Sowjetstern zurück.

Wohl schon in diesem Herbst sollen Schuluniformen wie früher gang und gäbe werden. Und auch ein Neustart des von vielen Schülern im Kommunismus gehassten Wehrunterrichts samt patriotischem Drill wird diskutiert. Aus Putins Sicht soll das der nationalen Einheit dienen.

„Wir hatten in der Sowjetunion den Titel "Held der sozialistischen Arbeit". Im Großen und Ganzen hat sich das aus meiner Sicht bewährt“, begründete Putin unlängst die Wiedereinführung.

Kommentatoren meinen, dass sich der Kremlchef damit nicht nur bei älteren Wählern beliebt machen, sondern vor allem zeigen will, wer trotz aller Kritik zu ihm hält. So lässt sich etwa der Stardirigent Waleri Gergijew von seinem Freund Putin den goldenen Orden anheften. Dazu gibt es eine Urkunde und das Recht auf eine Bronzebüste.

Das Putin-System schmückt sich nach Meinung von Beobachtern gern mit Prominenten. Doch es gibt immer mehr angesehene Kulturschaffende, die sich öffentlich abwenden und genau das nicht mittragen.

„Wir sind verpflichtet, der Arbeit ihre Wertschätzung zurückzugeben und das Prestige jener Berufe zu erhöhen, die das Land auf den Beinen halten“, betont Putin bei der Zeremonie. Unter den fünf neuen Helden sind drei Arbeiter aus dem Bergbau, der Landwirtschaft und der Metallverarbeitung.

„Der Geist der UdSSR wird nun endgültig wieder materiell greifbar“, kommentiert die kremlkritische Zeitschrift „The New Times“ die Initiative. Experten kritisieren, dass der Kreml mangels Ideen und einer echten Politik in die Schublade der Vergangenheit eines totalitären Regimes greife, um die Bürger ans Gängelband zu nehmen.

Die Menschen müssten verstehen, dass Arbeit über Geld und Sozialleistungen und nicht über Orden belohnt werden müsse, sagt der Bürgerrechtler Lew Ponomarjow. Wer gesellschaftlich oder im Team anerkannt sei, habe keine staatliche Bestätigung nötig.

Regierungsgegner und Politologen vergleichen Putins Führungsstil immer häufiger mit dem des einstigen Dauerherrschers Leonid Breschnew, der als Symbol des bleiernen Stillstands gilt. Auch das damalige System habe sich in einen „Wahn der Ordenskultur“ geflüchtet. Am Ende hefteten sich Funktionäre oft gegenseitig die Orden an.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

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  • Naja, wir in Europa bekommen ja auch balde die EUDSSR nach Sowjetvorbild.

  • Ich habe diesen Artikel in sehr ähnlichen über weite Strecken wortgleichen Formulierungen bereits in anderen Zeitungen lesen dürfen.

    Das ist eine mediale Gleichschaltung, wie wir sie auch aus der Stalin-Ära und der DDR-Geschichte kennen.

  • Ich musste herzlich lachen! Danke!
    Zitat: "Die Menschen müssten verstehen, dass Arbeit über Geld und Sozialleistungen und nicht über Orden belohnt werden müsse, sagt der Bürgerrechtler Lew Ponomarjow."

    Als Beispiel könnten zum Beispiel die großen westlichen Demokratien gelten, in denen immer größere Teile der Bevölkerung von ihrer Arbeit in Saus und Braus leben können - not!

    Zitat: "Putins Worte, wonach der Zusammenbruch des Imperiums die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts sei..."

    Betrachtet man die sozialen Verwerfungen und die Plünderung Russland nach dem Zusammenbruch der UDSSR könnte man als Russe, der Putin nun einmal ist, durchaus diese Ansicht vertreten. Auch wenn wir hier im Westen Glasnost, Perestroika und die Auflösung der UDSSR als große Leistung feiern, gibt es viele Russen die die brutalen Auswirkungen auf die Lebensumstände nicht vergessen haben. Während wir in Deutschland Gorbatschow und Jelzin als große Russen betrachten, ist ihre Wertschätzung im russischen Volk durchaus eine andere.

    Zitat: "So strebt er etwa offen nach einer großen eurasischen Wirtschaftsunion ehemaliger Sowjetrepubliken."

    Mit welchen Ländern soll er sich sonst annähern? Dem deutschen Zeigefingermichel, der sich als moralische Leitinstanz der Welt versteht? Den Westeuropäern, die in vielen Fällen den amerikanischen Interessen ohne zu Hinterfragen folgen? Den Osteuropäern, die systematisch in die Nato und die EU eingegliedert werden? Oder vielleicht Amerika, welches Russland durch Militärbasen umzingelt und an einem schwachen Russland Interesse hat?
    Natürlich verbündet er sich mit den Ländern des Kaukasus und ehemaligen UDSSR Staaten inklusive China. Diese Länder sitzen auf riesigen Rohstoffvorkommen und die Kontrolle über diese wird in Zukunft immer wichtiger.

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